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Sehnsucht nach Verbindung – wenn alte Kontaktlosigkeit wieder spürbar wird

Frau sitzt am Meer und blickt in die Weite – Symbol für Sehnsucht nach Verbindung und bei sich bleiben

Sehnsucht nach Verbindung – wenn alte Kontaktlosigkeit wieder spürbar wird

Mein Kind geht seinen eigenen Weg – und das ist gut so. Und trotzdem schmerzt die Distanz mehr, als ich erwartet hätte. In diesem Beitrag beschreibe ich, wie sich darin ein sehr altes Muster zeigt – und was mir hilft, bei mir zu bleiben.

Dabei geht es um mein Erleben. Mein Kind liebt mich, wir sind uns nah und unsere Beziehung ist nicht gefährdet. Die Abgrenzung, die ich als Mutter in dieser Lebensphase erlebt habe, hat in mir etwas Altes berührt. Diesem Erleben möchte ich in diesem Text nachspüren.

Es gibt Momente, in denen ich merke: Etwas, das ich eigentlich längst verstanden habe, ist in mir noch nicht wirklich angekommen.

Ich weiß, dass mein Kind seinen eigenen Weg gehen darf. Ich weiß, dass es gut und richtig ist, wenn ein Kind sich zunehmend löst, eigene Erfahrungen macht, eigene Beziehungen lebt und irgendwann sein eigenes Leben führt.

Und trotzdem schmerzt es. Nicht, weil ich mein Kind festhalten möchte. Sondern weil ich mich nach Kontakt sehne.

Ich war nicht immer so ‚DA‘, wie ich es heute gerne gewesen wäre

Dieser Satz begleitet mich gerade. Er löst in mir Schuld aus.

Wie hätte ich anders ‚DA‘ sein können? Was habe ich nicht gesehen? Was hätte mein Kind gebraucht? Was hätte ich erfüllen sollen?

Ich wollte immer eine gute Mutter sein. Am liebsten eine, die alles richtig macht – die ihr Kind sieht, versteht, begleitet und ihm genau das gibt, was es erfüllt und vorbereitet auf das Leben.

Und dann kommt das Leben.

Und plötzlich sehe ich meine eigene Begrenztheit als Mensch, meine Unvollkommenheit: Ich kann nicht alles sehen. Ich kann nicht immer wissen, was richtig ist. Manchmal bin ich selbst so mit meinen eigenen Themen beschäftigt, dass ich nicht wirklich ‚DA‘ bin.

Das schmerzt tief. Und doch möchte ich mich heute nicht mehr nur fragen: ‚Was habe ich falsch gemacht?‘ Ich möchte auch mit der Frage da sein: ‚Was kann ich heute sehen, was ich damals noch nicht wahrnehmen konnte?‘

Wenn das eigene Kind seinen Weg geht

Mein Kind ist in einem Alter, in dem es immer mehr sein eigenes Leben entdeckt. Es braucht mich weniger, möchte eigene Entscheidungen treffen und sich von mir unterscheiden. Das darf so sein. Ich möchte nicht, dass mein Kind sein Leben einschränkt, damit ich mich ihm nah fühle.

Und gleichzeitig gibt es in mir diese tiefe Sehnsucht: Ich möchte mit meinem Kind in Verbindung sein. Nicht ständig, nicht auf Kosten seiner Freiheit – einfach im Kontakt.

Und genau hier beginnt für mich ein tieferer Blick. Denn vielleicht geht es gar nicht nur um die heutige Beziehung zu meinem Kind. Vielleicht berührt die heutige Distanz etwas, das viel älter ist.

Wenn frühere Kontaktlosigkeit wieder spürbar wird

Ich merke, dass hinter dem Gedanken ‚Ich habe Angst, die (Ver)Bindung zu verlieren‘ vielleicht noch etwas anderes liegt: ein sehr altes inneres Muster. Da war einmal kein Kontakt. Kein wahrhaftiger Kontakt in Form von Bindung zu meinen Eltern – und dies ist ganz ohne Wertung. Kein Gefühl, wirklich gesehen, gespiegelt und in meinem Dasein erreicht zu werden.

Wenn mein Kind sich heute zurückzieht, bedeutet das nicht automatisch, dass ich wieder in dieser alten Kontaktlosigkeit bin. Wenn ein Mensch nicht erreichbar ist, bedeutet das nicht, dass ich nicht existiere. Und trotzdem kann sich die gegenwärtige Distanz sehr alt und vermeintlich „echt“ als unbewusstes Überlebensmuster im Körper anfühlen (Kontaktabbruch im Außen: Wenn die Technik streikt).

Dann wird aus einem heutigen ‚Mein Kind möchte gerade seinen eigenen Raum‘ innerlich vielleicht: ‚Da ist wieder niemand. Ich fühle mich wieder allein. Es gibt keinen Kontakt.‘ Und plötzlich ist die Sehnsucht nach meinem Kind viel größer als nur der Wunsch nach gemeinsamer Zeit.

Ich entdecke darin ein altes Denkmuster: Erst wenn der andere ganz ‚DA‘ ist, kann auch ich da sein. Erst wenn der andere mich sieht, bin ich sichtbar. Und wenn der andere sich entfernt, beginnt die Suche: Was muss ich tun? Was habe ich falsch gemacht? Wie kann ich wieder Kontakt herstellen? Wie muss ich sein, damit der andere wieder zu mir kommt?

Ich arbeite mich ein Leben lang ab, um in Kontakt zu kommen und zu bleiben – und verliere dabei die Verbindung zu mir selbst. Das ist ein altes Muster, das ich auch aus anderen Beziehungen kenne und über das ich bereits geschrieben habe: Selbstaufgabe in Beziehungen.

Ein Satz begleitet mich seitdem weiter:

‚Nur weil der andere geht, muss ich mich nicht verlassen.‘

Ich muss mich nicht verlassen, wenn der andere geht

Wenn mein Kind seinen eigenen Weg geht, darf ich traurig sein. Ich darf Sehnsucht haben, mir mehr gemeinsame Zeit wünschen, sogar wütend sein. Ich muss diese Gefühle nicht wegmachen, um meinem Kind Freiheit zu ermöglichen. Aber ich muss auch nicht aus meiner Sehnsucht heraus handeln.

Ich darf erkennen: Da ist meine Traurigkeit. Da ist meine Sehnsucht nach Kontakt. Da ist meine Angst, ihn zu verlieren. Und da ist meine Liebe zu ihm. Ich muss keines dieser Gefühle wegmachen, um ein guter Mensch zu sein. Ich muss nicht interessanter werden, nicht mehr Erlebnisse bieten, nicht beweisen, dass ich eine gute Mutter bin – und ich muss mich nicht selbst verlassen, um die Verbindung zum anderen zu sichern.

Vielleicht bedeutet Loslassen deshalb gar nicht, weniger zu lieben. Vielleicht bedeutet es annehmen: Ich lasse dich deinen Weg gehen, ohne meinen eigenen zu verlassen.

Was habe ich meinem Kind mitgegeben?

Diese Frage zeigt sich immer wieder und ist eine ‚Schuld‘, die ich noch in mir trage: Habe ich genug gegeben? War ich wirklich ausreichend ‚DA‘? Diese Fragen können wichtig sein. Aber ich merke auch, wie schnell aus ehrlicher Selbstreflexion Selbstanklage wird:

Aus
‚Da war etwas, was ich heute anders machen würde‘,
wird schnell:
‚War ich gut genug?‘

Und aus:
‚Ich konnte nicht immer alles geben‘,
wird
‚Habe ich meinem Kind geschadet?‘

Ich weiß heute nicht, welche Spuren mein eigenes Nicht-Dasein bei meinem Kind hinterlassen hat. Das kann ich nicht rückwirkend beurteilen – und vielleicht muss ich das auch nicht. Ich kann anerkennen, dass ich zu jedem Zeitpunkt mein bestes gegeben habe. Ich kann Verantwortung übernehmen für meinen Anteil an unserer Beziehung. Aber ich muss daraus keine Schuld und ein lebenslanges Urteil über mich machen.

Ich war und bin ein Mensch – vollkommen unvollkommen. Und mein Kind ist ebenfalls ein Mensch mit seinem eigenen Erleben, seiner eigenen Persönlichkeit und seinem ganz eigenen Weg.

Ich muss meinem Kind nichts Besonderes bieten

Besonders schmerzhaft wird es, wenn ich beginne zu vergleichen: Was erleben die anderen Eltern? Wer verbringt mehr Zeit mit seinem Kind, bietet ihm mehr und spannendere Erlebnisse, ist dadurch vielleicht interessanter? Dann wird aus Beziehung plötzlich ein Wettbewerb.

Doch vielleicht ist das gar nicht die Ebene, auf der Beziehung entsteht. Ich möchte meinem Kind eine stabile Basis für sein Leben geben – und auch dafür muss ich nicht perfekt sein. Gemeinsame Zeit muss nicht spektakulär sein: Manchmal ist sie Essen, ein Gespräch, ein gemeinsamer Weg, Schweigen, Lachen, Nebeneinandersein. Oder auch einfach Raum lassen.

Authentisch da sein

Ich möchte richtig da sein. Nicht perfekt, nicht immer verfügbar, nicht immer sicher – sondern wirklich und wahrhaftig. Ich möchte mich selbst wahrnehmen, spüren, was in mir geschieht, meine Bedürfnisse erkennen und ausdrücken können.

Vielleicht habe ich in meinem Leben vieles getan, was ich gar nicht wirklich wollte, ohne es zu bemerken. Ich dachte, ich sei authentisch, weil ich mich nicht dazu zwingen konnte, etwas zu tun, das sich falsch anfühlt. Heute frage ich mich: Habe ich mich selbst überhaupt immer gespürt? Oder habe ich mich so sehr an dem orientiert, was in einer Beziehung gerade gebraucht wurde, dass ich meine eigenen Bedürfnisse gar nicht mehr wahrgenommen habe?

Authentisch sein bedeutet vielleicht nicht nur, nichts gegen den eigenen Willen zu tun. Vielleicht bedeutet es auch: mich überhaupt wahrzunehmen. Mit mir verbunden zu sein. Mich zu zeigen. Da zu sein – auch wenn der andere gerade nicht ‚DA‘ ist.

Ich bin da, wenn ich traurig bin. Ich bin da, wenn ich Sehnsucht habe. Ich bin da, wenn ich nicht weiß, was richtig ist. Und vielleicht ist genau das die Erfahrung, die mir früher gefehlt hat: Da ist jemand. Und dieser jemand bin heute auch ich selbst.

Heute ist nicht damals

Vielleicht kann Heilung manchmal ganz unspektakulär beginnen – nicht, indem das Alte verschwindet, sondern indem ich es bemerke und unterscheiden lerne.

Damals gab es keinen Kontakt. Heute kann ich in den Kontakt gehen. Damals war ich abhängig davon, ob ein anderer Mensch mich wahrnimmt. Heute kann ich mich selbst wahrnehmen.

Das macht die Sehnsucht nicht sofort kleiner und dass muss sie auch gar nicht. Vielleicht darf ich mich nach Kontakt sehnen und trotzdem bei mir bleiben. Vielleicht darf ich mein Kind lieben und es seinen eigenen Weg gehen lassen. Vielleicht darf ich traurig sein, ohne dass etwas kaputt sein muss.

Ich weiß nicht, wie sich meine Beziehung zu meinem Kind entwickeln wird und ich muss die Zukunft auch nicht kontrollieren. Vielleicht bedeutet Vertrauen nicht ‚Ich weiß, dass ich dich niemals verlieren werde‘, sondern: ‚Ich kann damit sein, dass ich nicht weiß, wie sich unser Weg entwickeln wird.‘

Während mein Kind sein Leben entdeckt, darf ich meines wieder stärker bewohnen. Nicht erst dann, wenn jemand anderes ganz bei mir ist. Sondern jetzt. Vielleicht ist das die Verbindung, nach der ich mich so lange gesehnt habe:

Die Verbindung zu mir selbst.

Und vielleicht kann aus dieser Verbindung heraus auch Begegnung mit einem anderen Menschen wieder freier werden – nicht aus Angst, nicht aus Schuld, nicht aus Selbstaufgabe, sondern aus einem einfachen:

Mich gibt’s.

Ich bin hier und habe Gefühle & Bedürfnisse.

Du darfst deinen Weg gehen. Und ich bleibe bei mir.

Eine Einladung zur eigenen Erforschung

Vielleicht kennst du die Sehnsucht nach Verbindung auch. Vielleicht bemerkst du, dass die Distanz eines Menschen in dir etwas viel Älteres berührt. Vielleicht kennst du den Impuls, sofort etwas tun zu wollen, wenn der andere sich entfernt.

Dann könntest du einmal ganz behutsam innehalten und fragen:

Ist das, was ich gerade fühle, ausschließlich von heute? Oder berührt die gegenwärtige Situation etwas, das ich schon viel früher erlebt habe? Und wenn du bemerkst: Da ist alte Kontaktlosigkeit – dann vielleicht die nächste Frage:

Was wäre heute anders als damals? Besteht heute tatsächlich noch Gefahr?

Und schließlich: Kann ich in diesem Moment selbst bei mir bleiben und durch meine Sinne die Realität im Außen ungetrübt wahrnehmen?

Vielleicht musst du die Antwort auch noch gar nicht kennen. Vielleicht darfst du – ganz im Sinne Rilkes – einfach beginnen, in die Antworten hineinzuleben.

Wenn dich das Thema Nähe und Kontakt gerade selbst beschäftigt, begleite ich dich gerne dabei, diesen alten Mustern in Ruhe nachzuspüren.

Alles Liebe,

Marion

Hier geht es zum Podcast #1

Sehnsucht nach Verbindung –
wenn alte Kontaktlosigkeit wieder spürbar wird


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