Was hat das Außen mit mir zu tun? Wie du deine eigenen Bedürfnisse erkennst und wieder bei dir ankommst
Was hat das Außen mit mir zu tun? Wie du deine eigenen Bedürfnisse erkennst und wieder bei dir ankommst
Ich ertappe mich immer wieder dabei, nach außen zu schauen.
Wie verhält sich der andere?
Was sagt mein Gegenüber?
Wie wirke ich auf meine Mitmenschen?
Ich merke, wie schwer es manchmal ist, meine eigenen Bedürfnisse zu erkennen. Stattdessen richte ich meinen Blick zuerst nach außen.
Fast unbemerkt beginne ich abzuwägen. Ich passe mich an. Ich überprüfe, ob ich willkommen bin, ob ich störe, ob ich zu viel bin. Dabei verliere ich oft den Kontakt zu meinen eigenen Bedürfnissen.
Heute weiß ich: Dahinter steckt oft keine bewusste Entscheidung. Es ist eine unbewusste Gefahrenprojektion – entstanden in frühen Erfahrungen unseres Lebens. Unser Nervensystem versucht, uns zu schützen. Es beobachtet das Außen, lange bevor wir uns selbst wahrnehmen.
Doch was hat das Außen eigentlich mit mir zu tun?
Diese Frage möchte ich anhand einer sehr persönlichen Erfahrung mit dir teilen.
Als plötzlich alles anders wurde
Vor einiger Zeit erhielt meine Mutter eine verheerende Krebsdiagnose.
In den Jahren davor hatten wir uns verloren. Der Kontakt war wenig geworden. Und doch machte diese Diagnose sie auf einmal wieder sichtbar – für mich und auch für andere.
Ein Satz klingt mir bis heute in den Ohren:
„Wenn ich das Bedürfnis habe, dich zu sehen, dann melde ich mich.“
Dieser Satz wurde mir über ihren Ehemann übermittelt.
Ich wartete.
Ich respektierte.
Ich nahm diesen Wunsch ernst.
Dann kam alles anders.
Meine Mutter erlitt einen tumorbedingten Schlaganfall.
Und über allem schwebte weiterhin dieser Satz:
„Wenn ich das Bedürfnis habe, dich zu sehen, dann melde ich mich.“
Zwischen Anpassung und Lebendigkeit
In mir entstand ein immer größerer Wunsch.
Ich wollte meine Mutter noch einmal lebend sehen.
Gleichzeitig tauchten all die vertrauten Gedanken auf.
Überschreite ich ihre Grenzen?
Darf ich einfach hinfahren?
Was ist, wenn sie mich ablehnt?
Bin ich respektlos?
Der Druck in mir wurde größer.
Die Zeit wurde immer knapper.
Und irgendwann war die Entscheidung plötzlich klar.
Ich fahre. Jetzt.
Ich organisierte alles in Windeseile und machte mich auf den Weg.
Die Zweifel fuhren mit.
Darf ich das überhaupt?
Darf ich ihren Wunsch übergehen?
Darf ich mich in den Vordergrund drängen?
Und dann tauchte plötzlich etwas Neues auf.
Ja.
Ich bin die Tochter.
Auch ich habe Bedürfnisse.
Auch ich darf handeln.
Auch ich darf Nähe suchen.
Auch ich darf da sein.
Es geschah … nichts
Als ich im Krankenhaus ankam, war meine Mutter sehr erschöpft.
Sie fror von den kalten Krankenhausfluren.
Ich legte ihr eine Decke um die Schultern.
Ich war einfach da.
Ohne Erwartungen.
Ohne dass sie etwas für mich tun musste.
Darum ging es gar nicht.
Sie schlief ein.
Und ich saß an ihrem Bett.
Ich wachte über sie.
Es geschah keine Katastrophe.
Keine Zurückweisung.
Kein Drama.
Wir waren einfach da.
Mit allem.
Als ich später nach Hause fuhr, spürte ich etwas, das ich lange nicht mehr wahrgenommen hatte.
Lebendigkeit.
Kraft.
Und tiefe Dankbarkeit.
➡️ Lebenslust – Warum die Freude am Leben bereits in dir steckt
Ich wusste:
Ich habe alles richtig gemacht.
Nicht, weil alles perfekt verlief.
Sondern weil ich mich selbst nicht länger verlassen hatte.
In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich meine eigenen Bedürfnisse erkennen und ihnen vertrauen durfte.
Was hat das Außen also mit mir zu tun?
Diese Erfahrung hat mir etwas sehr Wertvolles gezeigt.
Ich trage die Zurückhaltung meiner Mutter und die Schwierigkeit, Bedürfnisse wahrzunehmen und auszusprechen, auch in mir.
Das Außen zeigt uns häufig etwas, das wir selbst in uns tragen.
Und genau darin liegt seine Bedeutung.
Nicht darin, dass wir uns anpassen.
Sondern darin, dass wir uns erkennen.
Das Leben kennt nicht nur entweder – oder
Früher dachte ich oft, es gäbe nur eine richtige Lösung.
Heute erlebe ich immer deutlicher:
Das Leben besteht aus einem Sowohl … als auch …
Ja, meine Mutter hatte einmal Distanz gebraucht.
Und gleichzeitig durfte ich meinem Bedürfnis nach Nähe folgen.
Beides durfte gleichzeitig existieren.
Das Leben verändert sich in jedem Augenblick.
Nichts bleibt, wie es ist.
Gesagtes ist nicht in Stein gemeißelt.
Situationen verändern sich.
Menschen verändern sich.
Wir verändern uns.
Eigene Bedürfnisse erkennen statt sich anzupassen
Wie oft richten wir unseren Blick ausschließlich nach außen?
Was erwartet der andere?
Wie sollte ich mich jetzt verhalten?
Wie falle ich bloß nicht auf?
Wie nerve ich niemanden?
Wie passe ich mich möglichst gut an?
Viele von uns haben gelernt, sich anzupassen, um dazuzugehören, Konflikte zu vermeiden oder keine Last zu sein. Dadurch fällt es uns oft schwer, unsere eigenen Bedürfnisse zu erkennen.
Über dieses alte Überlebensmuster habe ich bereits im Artikel ‚Abgrenzung ohne Schuldgefühle‚ ausführlicher geschrieben.
Unser Nervensystem orientiert sich zuerst am Außen und verliert dabei den Kontakt zum Innen.
Dabei verlieren wir oft den Kontakt zu uns selbst.
Doch darum geht es nicht.
Es geht nicht darum, das Außen auszublenden.
Es geht darum, wahrzunehmen, was das Außen in uns auslöst.
Was macht das mit mir?
Was löst das Verhalten meines Gegenübers in mir aus?
Welche Gefühle entstehen?
Welche alten Geschichten werden lebendig?
Kann ich all das zunächst einfach beobachten, ohne sofort eine Lösung finden zu müssen?
Denn genau dieses schnelle „Ich muss etwas tun“ ist häufig Ausdruck eines überforderten Nervensystems.
Zwischen Reiz und Reaktion entsteht Freiheit
Je mehr Raum zwischen einem Reiz und unserer Reaktion entsteht, desto besser lernen wir uns selbst kennen.
Dann handeln wir nicht mehr ausschließlich aus alten Überlebensstrategien.
Sondern aus uns selbst heraus.
Nicht das Außen muss sich verändern.
Ich darf mich kennenlernen.
Ich darf mich zeigen.
Ich darf ehrlich mitteilen, was in mir lebendig ist.
Nicht mit der Erwartung, dass der andere sich verändert.
Sondern weil ich Verantwortung für mein eigenes Leben übernehme.
Sehr geprägt hat mich dabei das Konzept des Ehrlichen Mitteilens nach Gopal Norbert Klein.
Es bedeutet für mich, auszusprechen, was gerade in mir lebendig ist.
Nicht um etwas beim anderen zu erreichen.
Sondern um mich selbst nicht länger zu verlassen.
Das empfinde ich als tiefgreifende Transformation.
Auch der Widerstand gehört dazu
Natürlich gelingt das nicht immer leicht.
Vor diesem Schritt liegen oft Kampf.
Widerstand.
Erschöpfung.
Wie viel Energie kostet es, dauerhaft gegen das Leben anzukämpfen?
Gegen Gefühle.
Gegen Bedürfnisse.
Gegen das, was längst da ist.
Viele Menschen erleben heute diese tiefe Erschöpfung. Unser Nervensystem versucht oft über viele Jahre, uns zu schützen. Irgendwann fehlen die Kräfte.
Auch dieser Widerstand darf gesehen werden.
Nicht bekämpft.
Nicht weggemacht.
Einfach wahrgenommen.
Mit der Frage leben
Mein Weg ist heute ein anderer geworden.
Ich versuche nicht mehr, möglichst schnell Antworten zu finden.
Ich stelle mir vielmehr immer wieder dieselbe Frage:
Was hat das Außen mit mir zu tun?
Und dann erinnere ich mich an die wunderbaren Worte von Rainer Maria Rilke:
„Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“
Genau so empfinde ich es.
Unser Verstand und unser Nervensystem wünschen sich schnelle Lösungen.
Das kenne ich selbst nur zu gut.
Doch Entwicklung geschieht selten in Windeseile.
Der Abstand zwischen Reiz und Reaktion wird mit der Zeit größer.
Nicht, weil wir uns anstrengen.
Sondern weil wir beginnen, uns selbst wahrzunehmen.
Eigene Bedürfnisse zu erkennen ist kein Ziel, das wir irgendwann erreichen.
Es ist ein Weg.
Ein Weg zurück zu uns selbst.
Schritt für Schritt.
Wenn du bemerkst, dass du dich immer wieder anpasst und deine eigenen Bedürfnisse kaum noch spürst, dann sei liebevoll mit dir.
Das ist kein Fehler.
Es ist häufig eine alte Überlebensstrategie.
Und manchmal brauchen wir auf diesem Weg Unterstützung.
Auch dann lohnt es sich, den ersten inneren Widerstand neugierig zu betrachten.
Vielleicht meldet sich sofort der innere Kritiker:
„Das muss ich alleine schaffen.“
Auch das darf da sein.
Auch das gehört zu uns.
Es geht nicht darum, etwas an uns zu verändern.
Vielmehr geht es darum, mit dem da zu sein, was gerade ist.
Im Innen.
Und im Außen.
Annehmen ist für mich übrigens das tiefere Loslassen.
Denn Annehmen hat nichts mit Tun zu tun.
Es ist vielmehr ein stilles Ja zu dem, was sich gerade zeigt.
Und genau darin beginnt oft Veränderung.
Von Herzen wünsche ich dir den Mut, deinen eigenen Weg zu gehen.
Vielleicht nicht perfekt.
Vielleicht nicht geradlinig.
Aber ehrlich.
Mit dir.
Alles Liebe,
Marion
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