Abgrenzung ohne Schuldgefühle: Der Ausstieg aus alten Überlebensmustern
Abgrenzung ohne Schuldgefühle:
Der Ausstieg aus alten Überlebensmustern
Manchmal zeigt uns das Leben ganz unmissverständlich, wo es langgeht. Wir müssen dann nur noch folgen. Heute durfte ich einen Moment erleben, der mich tief berührt hat – eine schlagartige Befreiung aus einem alten, kindlichen Überlebensmuster mitten in meinem Alltag. Es war ein zutiefst wesentlicher Moment, der mir gezeigt hat, wie Abgrenzung ohne Schuldgefühle im Hier & Jetzt gelingen kann.
Die Blockade im Kopf: Wenn die Worte fehlen
Heute war ich in einem Telefonat, in dem ich mich über eine wesentliche Erkenntnis ehrlich mitteilen wollte. Doch der wichtigste Satz wollte sich einfach nicht formen – es herrschte absolute Leere im Kopf. Ich fühlte ein tiefes Berührtsein über diesen Satz, den ich vom Verstand her noch nicht greifen, aber im letzten Augenblick innerlich bereits als Berührung fühlen konnte. Ich blieb mit allem da: der Leere im Kopf, der Unsicherheit im Körper und diesem tiefen Gefühl des Berührtsein.
Der erlösende Satz:
Grenzen setzen ohne schlechtes Gewissen
Und dann… endlich… sprach ich ihn aus:
‚Ich darf mich abgrenzen, ohne mich schuldig dafür zu fühlen. Ich mache mich nicht zur Komplizin meines Gegenübers für diese vermeintlich ’schlechten’ Umstände. Ich bin nicht dafür verantwortlich und darf mich abgrenzen, auch wenn mein Gegenüber meine Hilfe nicht annehmen möchte.‘
Kontaktabbruch im Außen:
Wenn die Technik streikt
Und plötzlich: Kontaktabbruch auf allen Ebenen – das, was früher real geschah?
Mein Handy war bei Außentemperaturen von 35°C überhitzt und musste abkühlen. Auch mein Festnetztelefon, welches ich zur Fortführung nutzen wollte, war leer. Mir kam der Gedanke: Ich darf also mit diesem heiligen Moment ganz bei mir bleiben. Ich fühlte eine tiefe Berührung in mir. Das scheint etwas Wesen-tliches zu sein, etwas, was zu meinem Wesen gehört:
Abgrenzung ohne Schuld – keine Komplizin der Umstände anderer mehr zu sein.
Das Familienkarussel stoppen:
Raus aus der ewigen Pflicht
Dieses Thema hat auch mein Bruder sehr verinnerlicht: Ich mache und biete alles an, damit mir hinterher niemand sagen kann, ich hätte nicht genug getan. Und genau in diesem Moment, in dem ich aus diesem Karussell im Hier & Jetzt aussteige, kommt mein geliebter Sohn zur Tür hinein.
Zurück im Hier & Jetzt:
Die perfekte Fügung des Lebens
Was für ein faszinierendes Zusammenspiel des Lebens: Wirklich alles wirkte zusammen, um mich zurück ins Hier & Jetzt zu holen. In genau dem Moment, in dem die technische Bindung im Außen abbrach, öffnete sich im Innen das Tor für echten Kontakt – und die lebendige Verbindung zu meinem Sohn trat durch die Tür.
Reflexion:
Warum die Wut mein Helfer war
Ich fühle große Freude beim nachträglichen Aufschreiben und Reflektieren. Es ist richtig und wichtig, mich abzugrenzen, wenn ich die Erwartung meines Gegenübers nicht erfülle. Ich brauche mich heute nicht mehr schlecht oder unwohl zu fühlen (durch ein unbewusstes Schuldgefühl) und als Versuch der Abgrenzung in die Wut zu gehen.
Heute darf ich dieses Kindheits-Echo in mir voller Mitgefühl sehen: Ich wollte damals einfach nur helfen. Ich wollte das tragen, was ich sah und fühlte. Doch für das, was in unserer Familie im Verborgenen blieb und von niemandem ausgesprochen wurde, konnte ich bis heute keine Worte finden – es war nie benannt worden.
Das ist genau das, was untergründig in Familiensystemen und späteren Beziehungen geschieht: Ich fühle mich unwohl, kann es nicht benennen und gehe automatisch in die Abwehr dieses unbenannten ’schlechten’ Gefühls. Ich möchte es heutzutage einfach nicht mehr fühlen müssen. Ich wehre mich. Aber wogegen eigentlich?
Ist ‚Unwohlsein‘ überhaupt ein Gefühl?
Diese Erfahrung hat mich noch einmal ganz neu über das Phänomen des „Unwohlseins“ nachdenken lassen. Oft wird Unwohlsein als Gefühl definiert. Ich würde aus körperorientierter Sicht eher sagen: Nein, es ist kein primäres Gefühl. Es ist vielmehr ein diffuses, unspezifisches Geflecht aus Körperempfindungen, das durch unbewusste Gedanken oder alte Situationen im Nervensystem ausgelöst wird.
Untergründig passiert in Familiensystemen und späteren Beziehungen genau das: Wir spüren ein Unbehagen, können es nicht benennen und gehen automatisch in die Abwehr. Wir wehren uns im Außen – und wissen oft gar nicht, wogegen eigentlich.
In meinem Fall fühlte sich dieses Unwohlsein an wie eine Mischung aus Traurigkeit, Anspannung und Kampf. Es war ein klassischer emotionaler Flashback. Mein Nervensystem spulte ein uraltes Programm ab. Die Traurigkeit und die Abwehr waren die typischen Reaktionen eines Kindes, das sich damals gegen eine Ohnmacht wehren wollte, der es schutzlos ausgeliefert war. Als Kind wollte ich doch nur helfen – ich fühlte und sah die Dinge, die in der Familie niemand aussprechen konnte. Und weil es nie benannt wurde, gab es im Verstand auch keine Worte dafür. Nur dieses diffuse Unwohlsein im Körper.
Der Realtitäscheck:
‚Das Haus brennt nicht‘
Was war da eigentlich gerade passiert? Meine Sinne überprüften die Umgebung: Es brennt nicht, es ist nichts zu sehen, kein Alarm zu hören. Genau diese Überprüfung (Orientierung) katapultierte mein Gehirn blitzschnell aus dem alten Überlebensprogramm zurück in die Gegenwart. Mein Realitätscheck hat mich also mitten ins Hier & Jetzt zurückgeholt. Die alte Projektion trennte sich von der heutigen Realität und mein ganzes System durfte augenblicklich aufatmen. Ich fühlte Freude.
Angst und echte Freude können im Nervensystem schlicht nicht gleichzeitig existieren. Sobald der Körper begreift: ‚Ich bin jetzt in Sicherheit, fällt die Last ab und der Körper entspannt. Das Gehirn versteht, dass das Gestern heute keinen Bestand mehr hat.
Während ich diese Zeilen schreibe, merke ich, wie mein Körper erneut mit einem tiefen Einatmen reagiert – ein wunderbares Zeichen der autonomen Regulation. Wie gut und wie wohl sich das gerade in mir anfühlt!
Wenn wir Bewusstsein in diese alten Zustände (die wir jeden Augenblick neu erschaffen) bringen, lernen wir Schritt für Schritt zu benennen, was ist – selbst wenn wir es im ersten Moment gar nicht wissen. Es ist vollkommen okay, sich einzugestehen: ‚Da ist der Gedanke, dass ich in mir eine Wahrnehmung oder ein Gefühl wahrnehme, das ich gerade noch nicht benennen kann. Es fühlt sich unwohl an.‘Heute bin ich erwachsen, sicher und selbstbestimmt.‘ Der Kampf von damals ist vorbei. Ganz im Sinne des Ehrlichen Mitteilens nach Gopal Norbert Klein nehme ich auf allen drei Ebenen wahr: Ich fühle Freude, ich spüre Entspannung im Körper, und da ist der Gedanke, dass alles in Ordnung ist und ich in Sicherheit bin.
Eine tiefe Dankbarkeit erfüllt mich, getragen von dem Wissen, dass mein Leben im Fluss ist. Ich fühle ein tiefes Berührtsein und spüre eine Weite als erlösende Entspannung in meinem gesamten Körper und im Kopf.
Heute weiß ich als sehr feinfühliger sensibler Mensch: Wahre Abgrenzung trennt uns nicht von der Welt. Sie verbindet uns überhaupt erst richtig mit ihr. Indem ich das alte Familienkarussell verlassen habe, wurde ich frei für die echte, lebendige Begegnung im Hier & Jetzt – mit mir selbst und mit den Menschen, die mir wirklich wichtig sind.
Das Telefon durfte ‚glühen‘ und schweigen. Denn die wichtigste Verbindung war längst wieder hergestellt…
Wie das Außen unsere innere Wahrheit spiegelt?
Wenn ich jetzt an diesen Moment zurückdenke, fasziniert mich, wie perfekt das Leben Regie geführt hat. Es war kein Zufall, dass genau in der Sekunde meiner inneren Befreiung die Technik im Außen komplett streikte. Das überhitzte Smartphone und das leere Festnetztelefon waren wie ein realer, physischer Spiegel für das, was in meinem Nervensystem passierte.
Das Leben hat mir die Entscheidung abgenommen, die mir früher so schwergefallen wäre. Es hat die Leitungen gekappt, damit ich gar keine Chance hatte, aus Angst vor dem Konflikt sofort wieder zurück in das alte Muster zu flüchten. Das „Glühen und Schweigen“ der Telefone war eine liebevolle Notbremse des Universums. Es signalisierte mir: Der Raum im Außen ist jetzt geschlossen. Du musst jetzt nirgendwo mehr antworten, nichts mehr erklären und niemanden retten. Schau jetzt nur nach innen.
Indem die technische Verbindung abbrach, wurde die wichtigste Verbindung überhaupt erst möglich: die zu mir selbst. Und genau in dieser neu gewonnenen Sicherheit im Hier & Jetzt öffnete sich die Tür für eine echte, lebendige Begegnung im realen Leben – verkörpert durch das Hereinkommen meines Sohnes. Das Leben spiegelt uns so oft im Außen, wo wir im Innen stehen. Wenn wir im Inneren eine Grenze setzen, zieht das Außen nach. Manchmal eben so radikal, dass die Telefone schweigen müssen, damit unsere Seele endlich zu Wort kommt.
Ein Moment zum Nachspüren für dich
Wir alle tragen diese Telefone im übertragenen Sinne in uns – diese inneren Leitungen, die ständig heißlaufen, weil wir glauben, permanent für die Erwartungen und die Umstände anderer erreichbar sein zu müssen. Wir rennen, leisten und funktionieren auf allen Ebenen: in Familien, in Beziehungen, auf der Arbeit – bis unser eigenes System kurz vor dem Überhitzen steht.
Vielleicht magst du einen Moment innehalte, tief einatmen und dir selbst erlauben, in diese Fragen hinein zu spüren:
-
Wo in deinem Leben glühen gerade die Leitungen, weil du versuchst, die Verantwortung für etwas zu tragen, das gar nicht deins ist?
- Welcher erlösende Satz wartet in dir schon lange darauf, endlich ausgesprochen zu werden?
-
Und wie würde es sich anfühlen, wenn du dir selbst die Erlaubnis gibst, das Karussell anzuhalten – und einfach ganz sicher und geborgen im Hier & Jetzt bei dir zu bleiben?
Manchmal müssen die Drähte zur Welt im Außen für einen Moment reißen, damit wir spüren, dass wir im Innen längst sicher gehalten sind. Du darfst aufatmen. Der Kampf ist vorbei.
Mit ganz herzlichem Gruß für deine persönliche Befreiung,
Marion
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Liebe Marion,
von Herzen ein Dankeschön für dich, weil du uns an deinem Weg teilhaben lässt.
Heute passt dein Bewusstwerden so gut zu meinem eigenen Prozess.
„Ich darf mich abgrenzen, ohne mich schuldig dafür zu fühlen.“
Wie wahr!
Bei mir war das Erleben und der Grund dafür anders und gleichzeitig fühlt sich vieles innen drin ähnlich an.
Du schreibst „Wir alle tragen diese Telefone im übertragenen Sinne in uns – diese inneren Leitungen, die ständig heißlaufen, weil wir glauben, permanent für die Erwartungen und die Umstände anderer erreichbar sein zu müssen. Wir rennen, leisten und funktionieren auf allen Ebenen: in Familien, in Beziehungen, auf der Arbeit – bis unser eigenes System kurz vor dem Überhitzen steht.“
OH ja, mein System stand kurz vorm Überhitzen!
Ich sage nur so viel:
– Super-Hitze – ein Körper, der fast gar nicht schwitzt – Benommenheit und Nebel im Kopf – Traumatrigger – Körpererinnerung … nicht gefühlte Überforderung …
– Dachgeschosswohnung – 5 Tage Besuch von meinen wundervollen Kindern und geliebten Enkeln
– Familientreffen mit 25 Leuten bei 39 Grad
– Angst, aushalten zu müssen
– Angst mich zu fühlen, wie vor 28 Jahren – Trubel, Nebel im Kopf und anstrengen
Ich hatte einen riesengroßen Respekt davor – ….
Und nun?
Ja, es war anstrengend und gleichzeitig hatte ich so gute Momente. Ich bin zufrieden, stolz, sehe es als Fortschritt.
Noch bin ich dabei, zu reflektieren. Manchmal hilft mir Schreiben…
Du hast schon in so einigen Sitzungen zu mir gesagt: „Du kannst jederzeit gehen …“.
Lange meldete meine innere Übersetzerin dann: Sie hat jetzt echt die Nase voll von dir und will dich schnell wieder loswerden.
Bis ich verstanden habe, was dieser Satz bedeutet.
Heute kann ich sehen, wie wichtig dieses – nicht aushalten, sich aus der Situation heraus bewegen können, ist.
Vielleicht ist es das, was auch Peter Levine in seinem Buch „Vom Trauma befreien“ schreibt:
„Eine Traumatisierung hat oft damit zu tun, dass wir uns in einer Situation wiederfinden, aus der es kein Entrinnen gab. Unsere natürliche Fluchtreaktion wurde vereitelt … Das führt zu dem Gefühl, festzustecken und Angst zu haben …“
Vielleicht war es das, was mich die Tage gut hat bewältigen lassen. Ich habe mich immer um einen Fluchtweg für mich gekümmert.
– meinen Kindern Tage vorher geschrieben, wie es mir geht (die schwierigste Sache von allen), so Verständnis geschaffen, mir immer mal Zeit für mich zu nehmen, ohne mich erklären zu müssen
– Angebot von Freundinnen gehabt, in ihrem kühlen Haus unterzukommen, falls gar nichts mehr geht bei mir
– im alten muffigen vollgestopften, wunderbar kühlen Keller unseres 3-Familienhauses, eine ruhige freie Stelle für mich entdeckt und die einzige freie sehr harte kleine Kindermatratze hingelegt (zwei Nächte dort geschlafen und auch zwischendurch wirklich genutzt), wirklich mein rettendes Geschenk
– täglich meine geliebte Kakaopause ganz in Ruhe
– den 39 Grad-Tag am See hatte ich zum Glück meine Superressource – das Wasser, die ich sehr ausgiebig nutze (Da fühle ich gleich Freude und spüre ein Aufatmen).
Im Bootshaus habe ich einen kleinen Maschinenraum entdeckt und mit einer Unterlage nutzbar gemacht. Dort gelang es mir herrlich schnell aus dem Stress raus und in tiefe Entspannung hineinzufinden. 1x durch die Stimme von Verena König und 1x durch mein schlafendes jüngstes Enkelchen, seinen Atem und den Körperkontakt.
Ich möchte mir das wirklich bewusst machen.
Ich habe die Möglichkeit, Situationen zu verlassen. Ich muss heute nicht mehr aushalten.
Bei dir war es der Technikausfall, bei mir war es das Aufeinandertreffen von Tagen voller Trubel durch Familientreffen und 39 Grad Außentemperatur. Danke Hitzewelle – sie hat es mir einfacher gemacht. Ich brauchte Pausen von Trubel und Hitze und fand mich.
Du fragst: „Welcher erlösende Satz wartet in dir schon lange darauf, endlich ausgesprochen zu werden?
Ja, vielleicht ist das heute meine Antwort auf diese Frage.
Ich habe heute die Möglichkeit, Situationen zu verlassen. Ich muss nicht mehr aushalten. Ich darf jederzeit gehen, mir guttun.
Alles Liebe
Annette