Warum unser Nervensystem auf Schutz programmiert ist – und wie wir wieder Sicherheit finden
Warum unser Nervensystem auf Schutz programmiert ist – und wie wir wieder Sicherheit finden
Kennst du das?
Eigentlich weißt du, dass gerade keine Gefahr besteht.
Und trotzdem schlägt dein Herz schneller.
Du grübelst.
Du kannst nicht abschalten.
Du möchtest es allen recht machen.
Du gehst Konflikten aus dem Weg.
Du funktionierst.
Und fragst dich irgendwann:
Warum reagiere ich eigentlich so?
Oft liegt die Antwort nicht in unserem Verstand, sondern in unserem Nervensystem.
Und damit verbunden ist eine ganz wesentliche Frage:
Wie entsteht Sicherheit im Nervensystem?
Unser Nervensystem möchte nicht glücklich machen
Das klingt vielleicht zunächst irritierend.
Doch unser Nervensystem hat eine einzige Aufgabe:
Es möchte unser Überleben sichern.
Nicht unser Glück.
Nicht unsere Entspannung.
Nicht unsere Selbstverwirklichung.
Sondern unser Überleben.
Dafür beobachtet es ununterbrochen unsere Umgebung.
Bin ich sicher?
Gehöre ich dazu?
Droht Gefahr?
Kann ich mich entspannen?
Oder muss ich kämpfen, fliehen oder mich lieber ganz still verhalten?
All das geschieht meist, bevor wir überhaupt bewusst darüber nachdenken.
Unser Nervensystem ist dabei nicht unser Gegner.
Im Gegenteil.
Es versucht, uns zu schützen.
Was früher Schutz war, wirkt heute oft weiter
Als Kinder sind wir vollkommen abhängig.
Von den Menschen, die uns versorgen.
Von ihrer Stimmung.
Von ihrer Nähe.
Von ihrer Verlässlichkeit.
Unser Nervensystem lernt unglaublich schnell.
Wenn ich leise bin, gibt es keinen Streit.
Brav zu sein bringt mir Aufmerksamkeit.
Durch Anpassung kann ich die Verbindung erhalten.
Und vielleicht lerne ich dabei, meine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.
Damals waren diese Strategien oft sinnvoll.
Sie haben uns geholfen.
Sie waren ein Schutz.
Doch unser Nervensystem unterscheidet nicht automatisch zwischen damals und heute.
Es greift immer wieder auf das zurück, was einmal funktioniert hat.
Über alte Überlebensmuster und die Schwierigkeit, sich abzugrenzen, habe ich bereits ausführlicher geschrieben.
Deshalb reagieren wir manchmal so stark
Vielleicht kennst du das.
Jemand schaut dich etwas kritischer an.
Und plötzlich zweifelst du an dir.
Eine Nachricht bleibt unbeantwortet.
Und sofort entsteht Unruhe.
Jemand sagt „Nein“.
Und du fragst dich, ob du etwas falsch gemacht hast.
Das eigentliche Ereignis ist oft klein.
Die Reaktion in uns fühlt sich jedoch riesig an.
Nicht, weil wir übertreiben.
Sondern weil unser Nervensystem eine alte Erfahrung erinnert.
Es schützt uns.
Auch wenn heute gar keine Gefahr mehr besteht.
Nervensystem und Sicherheit – warum wir Schutz brauchen
Sicherheit im Nervensystem bedeutet für mich nicht, dass wir uns immer ruhig und entspannt fühlen.
Das wäre eine Illusion.
Das Leben bringt Bewegung.
Es gibt Freude.
Traurigkeit.
Wut.
Angst.
Aufregung.
Unsicherheit.
Sicherheit bedeutet vielmehr, dass wir mit dem, was gerade da ist, in Beziehung bleiben können.
Dass wir uns selbst nicht verlieren.
Dass wir wahrnehmen können:
Was geschieht gerade in mir?
Und vielleicht auch:
Was brauche ich jetzt?
Sicherheit entsteht nicht im Kopf
Viele Menschen versuchen, sich ihre Gefühle auszureden.
‚Ich muss mich einfach entspannen.‘
‚Ich sollte mich nicht so anstellen.‘
‚Ich weiß doch, dass nichts passiert.‘
Doch unser Nervensystem lässt sich nicht einfach überreden.
Es braucht Erfahrungen.
Erfahrungen von Präsenz.
Von Beziehung.
Von Orientierung.
Von Sicherheit.
Deshalb reicht Denken allein häufig nicht aus.
Ich kann mir hundertmal sagen, dass ich sicher bin.
Und trotzdem kann mein Körper etwas anderes erzählen.
Sicherheit im Nervensystem darf erfahren werden.
In einem wohlwollenden Blick.
In einem Gespräch, in dem ich mich zeigen darf.
In einem Menschen, der da bleibt.
In einer Berührung, die sich stimmig anfühlt.
In einem Moment, in dem ich nichts leisten muss.
Und manchmal auch in der Erfahrung, dass mein Körper einfach da sein darf.
Was hilft unserem Nervensystem?
Für mich beginnt vieles mit einem liebevollen Beobachten.
Nicht sofort verändern wollen.
Nicht analysieren.
Nicht bekämpfen.
Sondern wahrnehmen.
Was passiert gerade in mir?
Wo spüre ich Anspannung?
Welche Gedanken tauchen auf?
Welche Gefühle sind da?
Welches Bedürfnis liegt vielleicht darunter?
Allein diese neugierige Haltung kann bereits etwas verändern.
Denn wir steigen aus dem automatischen Reagieren aus.
Zwischen Reiz und Reaktion entsteht ein kleiner Raum.
Und genau dort beginnt Veränderung – eine ganz besondere Form von Freiheit.
Nicht, weil wir plötzlich alles im Griff haben.
Sondern weil wir beginnen, uns selbst kennenzulernen.
Zwischen Reiz und Reaktion entsteht ein Raum
Vielleicht ist genau dieser Raum einer der wichtigsten Orte für Veränderung.
Es passiert etwas.
Ich spüre etwas.
Und bevor ich sofort handle, entsteht vielleicht ein winziger Moment.
Ein Atemzug.
Ein Innehalten.
Ein:
Was macht das gerade mit mir?
Früher hätte ich vielleicht sofort reagiert.
Mich angepasst.
Mich zurückgezogen.
Mich erklärt.
Mich verteidigt.
Heute kann ich vielleicht zunächst wahrnehmen.
Nicht immer.
Nicht perfekt.
Aber immer häufiger.
Und dieser Raum darf wachsen.
Nicht durch Druck.
Sondern durch Erfahrung.
Sicherheit wächst in Beziehung
Wir Menschen regulieren uns nicht allein.
Wir brauchen Verbindung.
Einen Menschen, der da bleibt.
Der nicht bewertet.
Der nichts von uns erwartet.
Der uns nicht reparieren möchte.
Sondern uns begleitet.
Genau das erlebe ich immer wieder in meiner Praxis.
Nicht, weil ich Lösungen vorgebe.
Sondern weil ein sicherer Raum entstehen darf.
Ein Raum, in dem dein Nervensystem die Erfahrung macht:
Ich muss gerade nichts leisten.
Ich darf einfach sein.
Und manchmal ist genau das der Anfang von etwas ganz Neuem.
Es geht nicht darum, ein anderer Mensch zu werden
Vielleicht hoffst du, irgendwann nie wieder Angst zu haben.
Nie wieder traurig zu sein.
Nie wieder gestresst.
Ich glaube nicht, dass das das Ziel ist.
Für mich bedeutet Heilung etwas anderes.
Mit allem da sein zu können.
Mit Freude.
Mit Traurigkeit.
Mit Wut.
Mit Angst.
Mit Unsicherheit.
Und trotzdem in Verbindung mit mir zu bleiben.
Nicht perfekt.
Sondern lebendig.
Über das Wiederfinden von Lebendigkeit habe ich auch in meinem Beitrag Lebenslust – Warum die Freude am Leben bereits in dir steckt geschrieben.
Was versucht mein Nervensystem gerade für mich zu tun?
Vielleicht magst du dir diese Frage einmal mitnehmen.
Nicht:
Was stimmt nicht mit mir?
Sondern:
Was versucht mein Nervensystem gerade für mich zu tun?
Allein diese Frage verändert den Blick.
Wir hören auf, gegen uns zu kämpfen.
Wir beginnen zu verstehen.
Und aus Verstehen kann Mitgefühl entstehen.
Mitgefühl für uns selbst.
Denn unser Nervensystem war nie gegen uns.
Es hat immer versucht, uns zu schützen.
Vielleicht darf es heute lernen, dass Schutz nicht mehr bedeutet, sich ständig anzupassen, wachsam zu sein oder die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.
Vielleicht darf Schutz heute etwas Neues bedeuten:
Sicherheit.
Verbindung.
Orientierung.
Und das Vertrauen, mit allem da sein zu dürfen, was gerade ist.
Sicherheit darf wachsen
Ich glaube nicht an den einen Moment, in dem plötzlich alles anders ist.
Es ist vielmehr ein Weg.
Manchmal geht es vorwärts.
Manchmal scheint es rückwärts zu gehen.
Manchmal glauben wir, wir hätten etwas längst verstanden – und plötzlich stehen wir wieder mitten in einem alten Muster.
Auch das gehört dazu.
Unser Nervensystem braucht Zeit.
Es braucht Wiederholung.
Es braucht neue Erfahrungen.
Und manchmal braucht es Unterstützung.
Auch das ist keine Schwäche.
Vielleicht ist es sogar ein Zeichen von Selbstfürsorge, sich nicht mehr alles alleine abverlangen zu müssen.
Und auch hier können wir wieder beobachten:
Was macht dieser Gedanke mit mir?
Entsteht Widerstand?
Sagt eine Stimme:
Das muss ich doch alleine schaffen!
Dann darf auch diese Stimme da sein.
Wir müssen sie nicht bekämpfen.
Wir dürfen sie kennenlernen.
Mein Wunsch für dich
Vielleicht beginnst du heute damit, dir eine einzige Frage zu stellen.
Nicht:
Was stimmt nicht mit mir?
Sondern:
Was versucht mein Nervensystem gerade für mich zu tun?
Allein diese Frage verändert häufig den Blick.
Wir hören auf, gegen uns zu kämpfen.
Wir beginnen zu verstehen.
Und aus Verstehen entsteht Mitgefühl.
Mitgefühl für uns selbst.
Denn unser Nervensystem war nie gegen uns.
Es hat immer versucht, uns zu schützen.
Vielleicht darf es heute lernen, dass Schutz nicht mehr bedeutet, sich anzupassen oder ständig wachsam zu sein.
Vielleicht darf Schutz heute etwas Neues bedeuten:
Sicherheit.
Verbindung.
Und das Vertrauen, dass du mit allem da sein darfst, was dich ausmacht.
Alles Liebe,
Marion
Sehnsucht nach Verbindung – wenn alte Kontaktlosigkeit wieder spürbar wird
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