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Warum Sicherheit im Nervensystem so wichtig ist – und was Heilung damit zu tun hat

Sicherheit im Nervensystem und Selbstkontakt

Warum Sicherheit im Nervensystem so wichtig ist – und was Heilung damit zu tun hat

Teil 2 der Artikelreihe zum Nervensystem – hier geht es zu Teil 1: Warum unser Nervensystem auf Schutz programmiert ist

Was bedeutet eigentlich Sicherheit im Nervensystem?

Vielleicht denkst du bei Sicherheit zunächst an Ruhe. An Entspannung. Daran, dass alles in Ordnung ist. Niemand fordert etwas von dir. Es gibt keinen Streit. Keine unangenehme Nachricht. Keine Veränderung. Alles ist so, wie es sein soll.

Doch wenn ich mich mit unserem Nervensystem beschäftige, erlebe ich Sicherheit inzwischen etwas anders: Sicherheit bedeutet nicht, dass im Außen alles sicher ist. Sicherheit bedeutet vielmehr, dass ich mit dem, was geschieht, in Kontakt bleiben kann – mit der Welt, mit meinem Körper, mit meinen Gefühlen. Und vor allem: mit mir selbst.

Sicherheit bedeutet nicht, dass nichts passiert

Das Leben ist Bewegung. Immer. Menschen verändern sich, Beziehungen verändern sich, unser Körper verändert sich, Situationen verändern sich. Manchmal geschieht etwas, womit wir nie gerechnet haben. Manchmal wirft uns etwas vollkommen aus der Bahn.

Sicherheit kann deshalb nicht bedeuten, dass alles kontrollierbar ist. Denn das ist es nicht. Wir können nicht verhindern, dass das Leben geschieht. Wir können nicht dafür sorgen, dass andere Menschen immer so reagieren, wie wir es uns wünschen. Und wir können auch nicht verhindern, dass wir manchmal Angst bekommen, traurig sind oder uns überfordert fühlen.

Vielleicht liegt Sicherheit deshalb an einem ganz anderen Ort: nicht darin, dass nichts geschieht – sondern darin, wie ich mit dem, was geschieht, in Kontakt bleiben kann.

Wenn das Nervensystem Gefahr wahrnimmt

Unser Nervensystem ist darauf ausgerichtet, Gefahren möglichst früh zu erkennen. Das ist sinnvoll – es schützt uns. Schon kleine Veränderungen werden wahrgenommen: ein Gesichtsausdruck, ein Tonfall, eine Bewegung, ein Geräusch, eine bestimmte Stimmung.

Manchmal genügt ein kleiner Reiz, und in uns beginnt etwas zu reagieren. Der Körper wird angespannt. Der Atem verändert sich. Gedanken werden schneller. Vielleicht entsteht der Impuls, etwas zu tun – zu erklären, zu fliehen, zu kämpfen oder sich zurückzuziehen.

Das geschieht häufig, bevor unser bewusster Verstand überhaupt verstanden hat, was eigentlich passiert. Unser Nervensystem arbeitet schnell. Es möchte uns schützen. Darüber habe ich im ersten Artikel dieser Reihe ausführlicher geschrieben. Genau hier beginnt für mich die Frage nach Sicherheit.

Was passiert, wenn Sicherheit fehlt?

Wenn unser Nervensystem über längere Zeit sehr wachsam ist, kann das anstrengend werden. Vielleicht kennst du das: Du beobachtest ständig, wie andere Menschen sich verhalten. Du überlegst, ob du etwas falsch gemacht hast. Eine Nachricht wird nicht beantwortet, und sofort entstehen Gedanken. Jemand ist anders als sonst, und du fragst dich, was passiert sein könnte.

Du möchtest niemanden enttäuschen. Du passt dich an. Du spürst deine eigenen Bedürfnisse immer weniger. Und irgendwann merkst du vielleicht: Ich bin ständig mit dem Außen beschäftigt. Was passiert dort? Wie geht es dem anderen? Was denkt der andere? Wie komme ich an? Was muss ich tun, damit alles gut bleibt?

Das Nervensystem sucht nach Sicherheit. Und manchmal suchen wir diese Sicherheit im Außen.

Die Sicherheit im Außen

Vielleicht versuchen wir, Sicherheit herzustellen, indem wir möglichst viel kontrollieren. Wir planen. Wir denken voraus. Wir versuchen, Konflikte zu vermeiden. Wir passen uns an. Wir beobachten. Wir funktionieren.

Und manchmal funktioniert das sogar erstaunlich gut – zumindest für eine gewisse Zeit. Doch irgendwann kann eine große Erschöpfung entstehen. Denn das Leben lässt sich nicht vollständig kontrollieren. Der andere Mensch bleibt ein anderer Mensch. Das Außen bleibt das Außen. Und irgendwann stellt sich die Frage: Wo bin eigentlich ich?

Sicherheit beginnt mit Kontakt zu mir selbst

Für mich liegt hier ein ganz wichtiger Punkt: Sicherheit entsteht nicht nur dadurch, dass die Welt um mich herum ruhig wird. Sie kann auch dadurch entstehen, dass ich wieder Kontakt zu mir bekomme.

Was spüre ich gerade? Was denke ich? Was fühle ich? Was brauche ich? Was macht diese Situation mit mir? Was hat das Außen mit mir zu tun? Hierüber habe ich in diesem Blogartikel ausführlicher geschrieben.

Vielleicht ist die Antwort zunächst gar nicht klar. Auch das ist in Ordnung. Es geht nicht darum, sofort eine Lösung zu finden. Es geht zunächst darum, wahrzunehmen: Ich bin hier. Ich bemerke etwas. Etwas geschieht in mir. Allein diese Wahrnehmung kann ein erster Schritt zurück in den Kontakt sein.

Sicherheit im Nervensystem ist kein Dauerzustand

Das ist mir besonders wichtig. Ich glaube nicht, dass wir irgendwann einen Zustand erreichen, in dem unser Nervensystem für immer ruhig und reguliert bleibt. Das wäre keine menschliche Erfahrung.

Wir werden uns erschrecken. Wir werden wütend werden. Wir werden traurig sein. Wir werden aufgeregt sein. Wir werden uns manchmal zurückziehen. Und manchmal werden wir auch wieder in alte Muster geraten. Das bedeutet nicht, dass wir gescheitert sind. Unser Nervensystem ist lebendig. Und Leben bedeutet Bewegung.

Deshalb verstehe ich Sicherheit im Nervensystem eher als eine Fähigkeit: Ich kann mich bewegen lassen, ohne mich dabei vollständig zu verlieren.

Mit dem da sein, was ist

Vielleicht ist das einer der wichtigsten Sätze meiner Arbeit: Mit dem da sein, was ist. Nicht nur mit dem Angenehmen. Auch mit der Angst, der Unsicherheit, der Traurigkeit, dem Widerstand, der Wut. Mit dem Wunsch, dass etwas anders sein soll. Und manchmal sogar mit dem Gedanken: Ich möchte, dass das jetzt endlich aufhört.

Auch dieser Gedanke darf da sein. Es geht nicht darum, ihn wegzumachen. Es geht nicht darum, mich möglichst schnell wieder „richtig“ zu regulieren. Vielmehr geht es darum, wahrzunehmen: Da ist gerade etwas. Und ich bin da.

Der Blogartikel: Ich möchte das Weghaben beschäftigt sich auch genau mit diesem Thema.

Was hat das mit Heilung zu tun?

Vielleicht liegt genau hier ein anderer Blick auf Heilung. Heilung bedeutet für mich nicht: Ich werde irgendwann ein Mensch sein, der keine Angst mehr hat. Oder: Ich werde nie wieder getriggert. Oder: Ich habe meine Vergangenheit endlich überwunden.

Vielmehr kann Heilung bedeuten, dass ich immer mehr mit mir selbst in Kontakt bleiben kann. Auch dann, wenn es schwierig wird. Ich spüre vielleicht Angst – und gleichzeitig spüre ich mich. Ich bin traurig – und trotzdem verliere ich mich nicht vollständig in der Traurigkeit. Ich bin wütend – und darf wahrnehmen, was diese Wut mir zeigen möchte.

Ein Teil von mir möchte fliehen. Und ein anderer Teil kann beobachten: Aha. Da ist dieser Impuls. Das ist für mich ein ganz wesentlicher Unterschied.

Der Raum zwischen Reiz und Reaktion

Vielleicht kennst du den Moment, in dem etwas geschieht und du sofort reagierst. Ein Wort. Ein Blick. Eine Nachricht. Eine Situation. Und plötzlich bist du mitten in deiner Reaktion. Später denkst du: Warum habe ich eigentlich so reagiert?

Genau hier beginnt für mich die Bedeutung des Raumes zwischen Reiz und Reaktion. Am Anfang ist dieser Raum vielleicht winzig – manchmal weniger als ein Atemzug. Vielleicht bemerke ich erst hinterher, was geschehen ist.

Mit zunehmender Wahrnehmung kann dieser Raum größer werden. Nicht, weil ich mich dazu zwinge, sondern weil mein Nervensystem neue Erfahrungen macht. Ich lerne mich kennen. Ich bemerke früher, was in mir geschieht. Und vielleicht entsteht irgendwann ein Moment, in dem ich nicht mehr automatisch reagieren muss. Ich kann wahrnehmen. Und dann entscheiden. Oder auch einmal nicht entscheiden. Auch das ist eine Möglichkeit.

Heilung braucht keine Perfektion

Vielleicht denkst du jetzt: Das klingt schön. Aber mein Nervensystem macht das nicht mit. Auch das kenne ich. Unser Verstand möchte gerne eine Lösung, am besten sofort. Er möchte wissen: Was muss ich tun? Wie lange dauert es? Was muss ich verändern? Wann bin ich heil?

Doch vielleicht ist genau dieser Druck ein Teil dessen, was wir uns anschauen dürfen. Nicht um ihn wegzumachen, sondern um ihn kennenzulernen. Da ist mein Wunsch, dass es schnell gehen soll. Auch das darf da sein. Vielleicht ist das sogar ein Moment von Sicherheit: Ich muss mich nicht mehr dafür verurteilen, dass ich noch nicht dort bin, wo ich gerne wäre.

Sicherheit entsteht durch Erfahrung

Unser Nervensystem lernt nicht allein durch Wissen. Es lernt durch Erfahrung. Wenn ich immer wieder erlebe: Ich darf Nein sagen. Ich darf Bedürfnisse haben. Ich darf mich zeigen. Ich darf eine Grenze setzen. Ich darf traurig sein. Ich darf meine Wut mitteilen. Ich darf Hilfe annehmen. Ich darf mich zurückziehen. Ich darf wieder Kontakt aufnehmen. Ich darf mich verändern.

Dann können neue Erfahrungen entstehen. Vielleicht wird aus einem anfänglichen ‚Darf ich das?‘ irgendwann ein ‚Ich spüre, dass das für mich stimmt.‘ Und genau dort wird Selbstkontakt spürbar.

Auch Beziehung kann Sicherheit schenken

Wir Menschen sind keine Einzelwesen. Unser Nervensystem ist auch auf Beziehung ausgerichtet. Ein sicherer Kontakt kann etwas in uns verändern: ein Mensch, der nicht sofort bewertet, der nicht drängt, der nicht reparieren möchte, der nicht verlangt, dass wir anders werden – sondern einfach da ist.

Vielleicht können wir uns in einem solchen Kontakt ein wenig mehr entspannen. Nicht, weil der andere uns heilt, sondern weil wir eine neue Erfahrung machen: Ich darf hier sein, wie ich bin. Diese Erfahrung kann wertvoll sein. Und manchmal ist genau das die Grundlage dafür, dass wir uns selbst wieder begegnen.

Sicherheit bedeutet nicht Anpassung

Hier möchte ich noch einmal einen Bogen zu meinem letzten Artikel schlagen. Denn wenn wir Sicherheit ausschließlich im Außen suchen, können wir leicht beginnen, uns anzupassen. Ich beobachte den anderen, ich spüre seine Stimmung, ich überlege, was richtig wäre, und passe mich entsprechend an.

Vielleicht entsteht dadurch kurzfristig Ruhe. Doch der Preis kann hoch sein: Ich verliere mich selbst. Für mich bedeutet echte Sicherheit deshalb nicht: Ich passe mich so gut an, dass niemand mehr gestört wird. Sondern: Ich kann wahrnehmen, was im Außen geschieht, und bleibe gleichzeitig mit mir selbst verbunden. Das ist etwas völlig anderes.

Sicherheit und Selbstkontakt

Vielleicht ist Selbstkontakt deshalb eine der wichtigsten Grundlagen für Sicherheit.

Nicht: Was braucht der andere von mir? Sondern zunächst: Was geschieht gerade in mir? Nicht: Wie muss ich reagieren? Sondern: Was nehme ich wahr? Nicht: Was muss ich tun, damit alles wieder gut ist? Sondern: Kann ich einen Moment mit dem da sein, was gerade ist?

Das bedeutet nicht, dass wir passiv werden. Im Gegenteil: Je besser ich wahrnehme, desto klarer kann meine Handlung werden. Ich muss nicht mehr automatisch reagieren. Ich kann beginnen, aus mir heraus zu handeln.

Und manchmal braucht es Unterstützung

Dieser Weg muss nicht alleine gegangen werden. Manchmal kommen wir an einen Punkt, an dem wir merken: Alleine finde ich gerade keinen Zugang. Auch dieser Gedanke kann Widerstand auslösen. Vielleicht sagt eine Stimme: ‚Das muss ich doch selbst schaffen.‘ Dann darf auch diese Stimme da sein.

Unterstützung anzunehmen bedeutet nicht, dass ich versagt habe. Vielleicht bedeutet es vielmehr, dass ich mich selbst ernst nehme.

In meiner Craniosacralen Begleitung (Craniosacrale Biodynamik) geht es genau um diesen Raum: einen Raum, in dem nichts erzwungen werden muss. Einen Raum, in dem Wahrnehmung entstehen darf. Einen Raum, in dem der Körper nicht funktionieren muss. Und in dem wir gemeinsam schauen können: Was zeigt sich gerade?

Sicherheit darf wachsen

Ich glaube nicht an den einen großen Moment, in dem plötzlich alles anders ist. Sicherheit wächst. Manchmal fast unmerklich. Ein Moment, in dem ich mich früher wahrnehme. Ein Nein, das ich ausspreche. Eine Grenze, die ich nicht mehr sofort zurücknehme. Ein Gefühl, das ich nicht mehr wegdrücke. Eine Situation, in der ich bemerke: Ich bin aufgeregt – und trotzdem bin ich da.

Vielleicht ist genau das Sicherheit. Nicht die Abwesenheit von Bewegung, sondern die Erfahrung: Ich kann mich bewegen lassen und bleibe mit mir verbunden.

Das Leben darf geschehen. Ich darf reagieren. Ich darf mich verändern. Und ich darf immer wieder zu mir zurückkehren.

Vielleicht ist genau darin ein Teil dessen zu finden, was wir Heilung nennen. Nicht das Ende aller Schwierigkeiten. Sondern eine immer tiefere Verbindung mit dem eigenen Leben. Mit dem eigenen Körper. Mit den eigenen Bedürfnissen. Mit dem eigenen Selbst. Und mit allem, was gerade ist.

Alles Liebe,

Marion


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