Traurigkeit ist auch Energie
Traurigkeit ist auch Energie – eine Erfahrung
Vorsicht, Triggergefahr!
Es ist ein trister Novembertag, nach so vielen wundervollen Herbsttagen in diesem Jahr. Wie so oft spüre ich Traurigkeit in mir an diesen Morgen. Ich meinte, dass ich sie schon angenommen habe für mich – als Teil von mir. Und immer wieder stelle ich fest, dass die Traurigkeit noch tiefer geht. Dass die Traurigkeit unterschiedliche Facetten hat. Dass der Ursprung variiert.
Es kommt in mir sehr klar der Satz hoch: Ich möchte das nicht mehr! Mein Verstand stellt sich die Frage: aber was denn nur? Was möchte ich nicht mehr? Es kommt eine Antwort, wie ich meine, die Antwort kopfgesteuert ist und ich lege sie bei Seite. Mein Inneres fleht: Bitte lieber Gott, hilf mir! Diesen Satz sage ich nicht sehr oft und er fühlt sich alt an.
Mein linkes Ohr ist ‚zu‘, ich höre schon seit längerem auf dem einen Ohr nicht gut. Hat das was mit meiner Traurigkeit zu tun? Ich spüre rein. Mein Verstand kombiniert: Ohr – Hals – Verbindung durch die Eustachische Röhre: möchte ich nicht mehr hören? Lieber meine Wahrheit aussprechen? Natürlich, Gedanken verstärken die Traurigkeit. Unterbewusst. Sie ist aber so präsent, wie nie und ich merke die Traurigkeit in wahnsinniger Geschwindigkeit tief aus dem Herzen über den Kehlkopf bis zum Hals aufsteigen. Der Satz folgt: Ich kann das nicht mehr! Was kann ich nicht mehr, frage ich mich? Ich nehme wahr, dass es an / um meine Existenz geht. Mir geht es gar nicht gut und ich wünsche mir Unterstützung. Aber niemand ist da und wie ich mich schon kenne, braucht dann dieser kleine Kindanteil jetzt, hier und sofort Hilfe. Zum Glück erlebe ich es bewusst und lass mich nicht mehr so in diesen Traumastrudel reinziehen. Heute kann ich bewusst am Rand sitzen bleiben und mich beobachten. Es hat einige Jahre der Körperarbeit gebraucht, aber jetzt bin ich mir BEWUSST über mein Sein.
Es ist schier aussichtslos. Aber was? Um was geht es in mir? Was ist das für eine Traurigkeit in mir? Mir kommen die Worte: Liebevoll annehmen – was ist. Mich nicht mehr wehren. Wahrnehmen, dass die Traurigkeit zu mir gehört!
Und es ist ein Unterschied, ob wir wahrnehmen aus unserer Präsenz heraus oder ob wir fühlen aus unserem Körper heraus, was uns ganz schnell mitreißen kann.
Ich wiederhole den Satz: Die Traurigkeit gehört zu mir. Ja, sie gehört zu mir. Ich nehme sie an.
Jetzt nehme ich einen fast unmerklichen Schmerz hinter der Traurigkeit wahr, wie ein Blitz durchzieht er mich, aber noch viel mehr Angst folgt. Ich beobachte mich und stelle fest: Mein Körper hat entsetzliche Angst, ICH nicht. Ich spüre die Angst in meinen Augen, in verschiedenen Grimassen in meinem Gesicht, in der Enge des Halses und die Schutzmaßnahmen, die meine Arme einnehmen. Ich rede mir gut zu: Spüre die Angst. Ich nehme sie sehr stark in meinem Brustraum wahr und bin damit da – ich beobachte von meinem sicheren Platz am Rand des Traumastrudels aus. Ich lasse sich die Angst ausdehnen in Richtung Zwerchfell & Bauch. Ich bin da mit der Angst und wiederhole den Satz; Mein Körper hat Angst, ICH habe keine Angst. Es folgt ein Moment, wo ich anerkenne, wie groß das Geschehnis war. Ich fühle mich gesehen (heute nur von mir 😉 ). Egal, was war und ich nehme wahr: ES war wirklich groß. Mir kommen die Worte: Jetzt darf ich es ’sacken’ lassen. Ich versuche die Angst über mein Becken in Richtung Beine / Füße fließen zu lassen, was mir schwerfällt. Im Schambereich gibt es eine enorme Hürde. Ich nehme wahr, wie ich auf einmal loslasse und es fühlt sich an wie ein Gebähren… Mein Körper hat Angst loszulassen… Interessant, das ist ein neues Erlebnis für mich. Der Verstand hat es natürlich schon gewusst, aber es zu erleben war nochmal sehr besonders. Ich wiederhole den Satz: Mein Körper hat Angst loszulassen, ICH nicht. Ganz kurz kommt ein Gefühl der Wut hoch, nachdem ich die herunterfließende Energie mit Hilfe der Knöchelbewegungen weiter fließen lassen konnte. Mein Körper hat Angst, die Angst über den Schambereich loszulassen, ICH habe keine Angst. Es kommt noch zu diversen Körpersensationen und Gesichtsausdrücken in Form von Grimassen. Dann die Erkenntnis: Wir gebähren uns – nochmal!
Nachdem ich diese Erlebnisse zum ersten Mal ganz bewusst wahrnehmen konnte tritt eine Ruhe in mich ein. Dann bemerke ich Hunger und frühstücke.
Interessanterweise gebe ich an diesem Tag noch eine Sitzung und es geht auch genau um dieses Thema: Traurigkeit ist auch Energie und dass diese unterschiedliche Facetten hat. Meiner Klientin spürt die Traurigkeit als Energie und kann dadurch dieses Gefühl annehmen, fließen und sie damit auch ausdehnen lassen, wie wunderbar!
Wenn wir uns Gefühle ansehen wie Schmerz, Traurigkeit, Wut oder Angst, die sich oftmals mehr oder weniger schnell aufeinanderfolgend zeigen können und wir nur einem Thema ganz unsere Aufmerksamkeit richten, dann verliert es den Schrecken. Denn unsere Gefühle wollen auch gesehen werden, gewürdigt, bestenfalls in Begleitung bezeugt werden, sodass sie als ein Teil von uns angenommen und anschließend integriert werden können. Denn natürlich haben wir alles in uns, mehr oder weniger, von Zeit zu Zeit. Und so, wie wir uns niemals 100 % gesund oder krank fühlen, wie es niemals total dunkel oder ganz hell sein wird, so verhält es sich auch mit unseren Gefühlen. Klar sind sie da, mehr oder weniger stark, aber auch zu sehen, dass neben dem einen auch das andere da ist, z. B. wie bei meiner Klientin, die nach dem Spüren der Traurigkeit die Freude in sich bemerkt hat. Genau, es ist immer alles da und manchmal lassen wir uns von manchen Gefühlen ‚mitreißen‘ – und so haben wir es ja auch mal erlebt. Aber heute brauche ICH keine Angst mehr haben, wenn ich in meinem Haus sitze und meiner Traurigkeit nachspüre. Dann hat vielleicht noch der Körper Angst, weil diese in jeder einzelnen Zelle im Zellgedächtnis sitzt, aber real im Hier & Jetzt ist sie nicht. Und sich das bewusst zu machen und körperlich zu begreifen, zu erleben, führt dazu, dass wir die Schreckgespenster mehr und mehr loslassen können und näher an unsere wahre Essenz kommen. Schale um Schale, Mäntelchen um Mäntelchen streifen wir ab auf unserem Weg zu unserem Selbst. Was für eine Geschichte! Und wer es für ein Mörchen hält, der darf sich nur die kleinen, aber wahren Aspekte im Märchen herausgreifen 😉
In diesem Sinne mit Gruß aus dem Herzen
Marion
PS: Bitte diese Beschreibung nicht als Selbstanwendung und zum Nachahmen verstehen. Wir brauchen Ressourcen & professionelle Erfahrung, um uns Dinge vom Tellerrand her ansehen zu können. Bitte übernimm hierfür deine Verantwortung!
DAS MÄRCHEN VON DER TRAURIGEN TRAURIGKEIT (Inge Wuthe)
Es war einmal eine kleine Frau, die einen staubigen Feldweg entlanglief. Sie war offenbar schon sehr alt, doch ihr Gang war leicht und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.
Bei einer zusammengekauerten Gestalt, die am Wegesrand saß, blieb sie stehen und sah hinunter.
Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast körperlos. Es erinnerte an eine graue Decke mit menschlichen Konturen.
Die kleine Frau beugte sich zu der Gestalt hinunter und fragte: „Wer bist du?“
Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. „Ich? Ich bin die Traurigkeit“, flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war.
„Ach die Traurigkeit!“ rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.
„Du kennst mich?“ fragte die Traurigkeit misstrauisch.
„Natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet.“
„Ja aber…“, argwöhnte die Traurigkeit, „warum flüchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?“
„Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst. Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos aus?“
„Ich…, ich bin traurig“, sagte die graue Gestalt.
Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr. „Traurig bist du also“, sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. „Erzähl mir doch, was dich so bedrückt.“
Die Traurigkeit seufzte tief.
„Ach, weißt du“, begann sie zögernd und auch verwundert darüber, dass ihr tatsächlich jemand zuhören wollte, „es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor
mir und meiden mich wie die Pest.“
Die Traurigkeit schluckte schwer.
„Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: ‚Papperlapapp, das Leben ist heiter.‘ und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: ‚Gelobt sei, was hart macht.‘ und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: ‚Man muss sich nur zusammenreißen.‘ und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: ‚Nur Schwächlinge weinen.‘ und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen.“
„Oh ja“, bestätigte die alte Frau, „solche Menschen sind mir auch schon oft begegnet…“ Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. „Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig
ist hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu.“
Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt. Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel.
„Weine nur, Traurigkeit“, flüsterte sie liebevoll, „ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr Macht gewinnt.“
Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin:
„Aber…, aber – wer bist eigentlich du?“
„Ich?“ sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd. „Ich bin die Hoffnung.“
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Marion Welz
Ich habe mir viele kurze Notizen zum Thema Traurigkeit in diesem Jahr gemacht.
Auch heute hat sie mich begleitet. Und es war kein trister Novembertag. Es war wunderschön. Morgenlicht, Margeriten und Mohnblüten, Vogelgesang, still wie selten in Berlin.
Auf dem Fahrrad nehme ich sie nicht wahr, die Traurigkeit. Erst als ich langsamer werde. Erst als ich zu Fuß weitergehe, nehme ich sie wahr. Da ist eine Mischung aus Traurigkeit, Müdigkeit und dem Gefühl des Alleinseins.
Wäre es ein grauer Novembertag hätte ich die Traurigkeit vielleicht eher zulassen können.
Vielleicht auch nicht.
Gedankengrütze – wie Gopal so schön sagt.
Du schreibst: „Ich meinte, dass ich sie schon angenommen habe für mich“ – ja, das habe ich auch mal gedacht.
2016 hatte ich viel viel Zeit und habe Traurigkeit erstmalig bewusst kennengelernt. Und ich hatte damals den Eindruck, dass sie – als sie dasein durfte – sehr sanft war. Die sanften Tränen die liefen, habe ich als angenehm empfunden. Zumal Tränen damals gefühlt total neu waren. Ich war allein (naja, nicht ganz – aber ich lag oft allein im Grünen an einem Teich unter Bäumen und sah und hörte keinen anderen Menschen) und die Tränen durften sein.
Tja und ich dachte, nun hab ich sie gefühlt – fertig. Tschüss Traurigkeit.
In der Zeit von Januar bis März diesen Jahres war Traurigkeit wieder sehr präsent. Nach den gehörten Worten:“Ich lade dich ein, dein Herz für das, was du in dir ablehnst, zu öffnen“ habe ich notiert – Die Traurigkeit ist gepaart mit Einsamkeit – mit dem Unvermögen mich mitteilen zu können, wenn es mir nicht gut geht.
Ich bemerke recht neu einen Teil, der sich gern mitteilen möchte, der nicht mehr alles mit sich allein ausmachen will, der anderen die Möglichkeit geben möchte, auch mal für mich da zu sein.
Noch stärker sind fast immer andere Teile. Kleine innere Anteile, die voll in den Widerstand gehen. Allen voran meine kleine „Ich will aber nicht!“ – meine Autonomiebeauftragte. Die wird richtig laut. Sie schreit: Nein, ich will das niemandem erzählen, die können mich alle mal, auf keinen Fall, das bringt doch nichts, ich brauche niemanden, interessiert niemanden, wir machen das allein …“
Und weiter geht es „Ich öffne mein Herz für meine kleine „Ich will aber nicht“ – und es wird weich in mir. Endlich dürfen Tränen fließen. Und neu ist, dass da jemand bei mir ist. Ich werde angeschaut und kann weinen. Da ist jemand, der nicht wegläuft. Da ist jemand, der bleibt, der sich sogar enger an mich drückt. Und ich lasse mich berühren, empfinde dieses mitfühlende Wesen, das Stimmungen bemerkt, nichts bewertet, mich nicht ablehnt und trotz der Tränen, obwohl ich nicht „tapfer“ bin, sich noch ehrlich über mich freut, als sehr besonders.
Wie schön. Ein atmendes, weiches Kuschelwesen, eine empfindsame Hündin!
Nicht „nur“ ein Hund – ein fühliges Wesen.
Ich empfinde Dankbarkeit für diese Erfahrung.
Ich lese weiter in deinem Blogartikel und könnte so viel dazu schreiben. Ich bleibe hängen bei:
„PS: Bitte diese Beschreibung nicht als Selbstanwendung und zum Nachahmen verstehen. Wir brauchen Ressourcen & professionelle Erfahrung, um uns Dinge vom Tellerrand her ansehen zu können. “
„Na ph. Was die kann, kann ich schon lange! Ich kann das auch allein. Ph, ich bin mein eigener Profi, ich brauche keine Hilfe“ – wieder Widerstand.
Also spüre ich rein in meine Traurigkeit, der Körper entspannt etwas, die Augenbrauen ziehen sich zusammen. Ich erinnere mich an den Spruch: „Trauer ist die Liebe zum Verlorenen“, den ich mag. Er macht mich weicher und lässt für kurze Zeit den Gegenwind des Widerstands erlahmen.
Ich mag jedoch nicht, was heute auftaucht auf die Frage – was hab ich denn verloren?
Ein Bild – ein Thema – eine Theorie. Ich glaube nicht daran. Ich möchte nicht daran glauben….
Mein Kopf denkt, dass es mir gerade so leicht fällt, einen geborgenen Ort und wertvolle innere Helfer zu imaginieren. Der fragt sich, ob ich nicht genau so Themen, die gar nicht meine sind, hervorrufen kann?
Hm – kann ich meine Traurigkeit, die ich mittlerweile häufig wahrnehme, fühlen, ohne den Grund zu wissen?
Es wird überraschend ruhig in mir.
Traurigkeit – Alleinsein – Müdigkeit – kann ich die überhaupt auseinanderhalten, mischt sich mein Kopf ein.
Ich spüre einen Kloß hinter dem Kehlkopf, denke an meine letzte Sitzung. Mein Kopf denkt, dass das jetzt was ganz anderes ist.
Doch wer weiß? Ich durfte als kleines Mädchen weder traurig sein („Da hast du keinen Grund für“), noch durfte ich mich allein fühlen („ist doch totaler Quatsch“). Müdigkeit durfte erst auftauchen (besser sollte), wenn ich ins Bett musste. Fühlen war nicht so angesagt bei meinen Eltern. An Auslachen erinnere ich mich bei Gefühlen. Dass mein Vater sehr verächtlich spricht, wenn Menschen Gefühle und Empfindungen haben, die er mit seinem Verstand nicht greifen kann, bemerke ich erst heute.
Ich darf lernen, es mir heute selber zu erlauben. Ich darf Traurigkeit fühlen, ich darf müde sein (hm, das ist gerade sogar am schwersten, mir zu erlauben) und ich darf das Gefühl haben, dass ich allein bin und sich niemand für mich interessiert.
Mir reicht es erstmal für heute – das Thema der Müdigkeit, das will vielleicht auch irgendwann mal angeschaut werden. Und wenn meine kleinen Widerständlerinnern Pause machen, vielleicht auch mit professioneller Unterstützung. Vielleicht. Irgendwann.
Liebe Elli-Frieda,
vielen Dank für deine Zeilen und wie wunderbar der Satz: Nicht ’nur‘ ein Hund – ein fühliges Wesen…
Und es ist schon Wahnsinn, wie viele Anteile sich so melden, manchmal ein ganzer Kindergarten (was ich nicht bewertend meine, aber ich kann mich auch noch an einen Augenblick erinnern, wo mir das alles mal zu viel wurde….). Nicht einfach, den Überblick zu bewahren.
Was ich mit der Traurigkeit wirklich festgestellt habe ist, dass es so viele unterschiedliche Arten von Traurigkeit zu fühlen gibt. Hier habe ich viel geforscht für mich und bin sicher noch nicht am Ende… Es ist wie ein Nachholen jahrelang nicht gefühlter Traurigkeit, schier unendlich manchmal. Und gleichzeitig wie wertvoll, dass wir es heute können, uns erlauben.
Zu deinem Satz: ‚…und ich darf das Gefühl haben, dass ich allein bin und sich niemand für mich interessiert.‘ Ja, das stimmt, natürlich darfst du das Gefühl haben, aber was wäre, wenn es nicht stimmt, dass es niemand interessiert? Dies könnte ein alter Glaubenssatz sein, der zu hinterfragen wäre, ob das wirklich wahr ist.
Alles Liebe und herzlichen Dank für dein Teilen
Marion
Liebe Marion,
von Herzen danke für deine Antwort. So wertvoll für meinen Prozess die eingestreuten feinen Fragen.
Sicherlich ist es (auch) ein altes Gefühl, dass sich andere nicht wirklich für mich interessieren. Ein Glaubenssatz. Oder eher ein Glaubenssystem – ein großes neuronales Netzwerk, das ich gern verändern möchte.
Da hängt gefühlt so viel dran.
Gestern war ich unterwegs mit deiner Frage dazu:
Was wäre, wenn es nicht stimmt?
Was wäre, wenn ich glauben würde, dass sich andere für mich interessieren, auch wenn es mir schlecht geht, wenn ich traurig oder wütend bin, wenn ich Angst habe oder wenn ich mich allein fühle, wenn es hin und her geht in mir, wenn ich die verschiedensten Themen habe oder wenn ich gerade mal kein Ohr für die anderen habe, sondern selber eins bräuchte, mal nicht selber gebe, sondern gern … (da habe ich spannenderweise nicht mal Worte für)…
Wenn ich glaube, andere interessieren sich nicht, habe ich es gefühlt in der Hand, behalte die Macht. Ich kann kämpfen, irgendwie ist der Anteil „Ich glaube das aber nicht“ eine Widerstandskämpferin. Ihr kann niemand was. Die glaubt das einfach nicht. Punkt. Ihr kann nichts passieren. War immer so, wird immer so bleiben.
Aber was wäre, wenn es nicht stimmt, dass es niemanden interessiert? Wenn ich anfangen würde, zu glauben, dass es Menschen geben könnte, die sich wirklich für mich interessieren? Ich wäre weicher, viel verletzlicher. Ich könnte enttäuscht werden. Ich könnte beschämt sein, weil ich wirklich geglaubt habe, dass sich jemand interessiert und es nicht so ist. Ich so „dumm“ war, es zu glauben (da ist auch ganz fein, was kindlich Verletztes für mich wahrnehmbar).
Warum nur scheint dies viel schwieriger zu sein, als es von vornherein nicht zu glauben? Gefühlt zieht im Moment die Scham (dass ich sowas glauben konnte) noch mehr, als die Angst vor Enttäuschung. Warum ist das so schwierig?
Vielleicht weil ich genau das dann fühlen würde, was ich früher gefühlt habe – als kleines Mädchen? Ist „Ich glaube das aber nicht“ mein Schutz? Ein Schutzanteil? Einer von vielen? Vielleicht darf ich diese Kleine erstmal sehen, ihr zuhören, sie kennenlernen. Sie wird ihre Gründe haben.
Vielleicht kann ich ihr erzählen, dass ich heute erwachsen bin und mit der Enttäuschung umgehen kann?
Schon interessant, was beim eigenen Schreiben so entsteht. Irgendwie entsteht eine erste Struktur in diesem Nebel.
Ich werde genau dies erstmal probieren.
Ich wende mich meiner Kleinen „Ich glaub das aber nicht“ zu.
Liebe Elli Frieda,
ich mag es, wenn wir Glaubenssätze erkennen und sie dann ins Gegenteil wandeln und fühlen dürfen…
Zu deinem Satz: ‚(da habe ich spannenderweise nicht mal Worte für)…‘ sagt C.G Jung: Einsamkeit entsteht nicht dadurch, dass man keine Menschen um sich hat, sondern dadurch, dass man ihnen die Dinge, die einem wichtig erscheinen, nicht mitteilen kann.
Heute überleben wir, wenn wir weicher oder verletzlicher werden, aber natürlich ist da die alte Angst, enttäuscht zu werden. Und weißt du, was diese Enttäuschung ist? Meist versteckt sich hierin die Wut. Ja, auch auf uns selber: Jetzt habe ich wieder vertraut, jetzt war ich wieder hoffnungsvoll, ich hätte es besser wissen müssen,…
Ja, all das ist Leben. Wir sind nicht sicher indem, was andere tun und wie sie da sind, welche Meinung sie äußern und ob sie uns mögen. Wir dürfen aber in uns sicherer werden, dass wir heute nicht mehr daran glauben, dass es unser Leben gefährden könnte. Was wäre, wenn ich verletzlicher werde? Manche könnten sagen, du wirkst nicht mehr so hart, jetzt kann ich dich wirklich mal sehen. Die anderen meinen vielleicht, dass du eine Mimose bist. Na und? Dann bin ich eine Mimose, empfindsam und zart, manche mögen dass, wenn ich mich so zeige – ich übrigens auch.
Etwas nicht zu glauben, ist auch ein Glaube und dient unserem Schutz, sowie auch unsere Glaubenssätze. Und ja, lerne das, was noch unbekannt ist, erst einmal kennen, komme in Kontakt mit dem Neuen und folge deiner Neugier forschend…
Ich wünsche dir die Offenheit, dich weiter so zu ent-decken und liebevoll mit dir zu sein. Uns erlauben und anzunehmen ist das Geschenk unseres Lebens.
Ganz herzlich
Marion