Angst in den Körper zu gehen
Die Angst in den Körper zu gehen
Irgendwann kommt diese Angst. Meine Angst – mich zu spüren. Die Angst, des Unbekannten in meinem Körper. Die Angst vor Überwältigung. Mir stockt der Atem. Ich fange an, ganz flach zu atmen. Ich zieh mich zusammen. Bin in Embryonalstellung. Ich brauche Schutz. Ich brauche viel Schutz. Ich brauche viel Schutz, mich darauf einzulassen, in meinen Körper zu gehen. Hierzu habe ich mit Unterstützung eine Strategie entwickelt:
Zunächst habe ich einen Schutzraum um mich herum aufgebaut. Diesen bin ich mit meiner Handfläche abgegangen. In diesem Schutzraum befinde ich mich bzw. mein Körper. Die Grenzen meines Schutzraumes gehen über meine Körpergrenzen hinaus. So wie früher einmal, als das Ereignis zu stark und zu schnell für mich war und ich meinen Körper verlassen habe. Ich in die Weite und Stille gegangen bin, wo mich niemand mehr erreichen konnte. Hieran erinnere ich mich wieder. Man nennt das Dissoziation – aus dem eigenen Körper heraus zu treten.
In diesem neu geschaffenen Schutzraum fühle ich mich sicher. Die Begrenzung nach Aussen ist klar, meine Körpergrenzen kann ich aktuell nicht spüren. Es ist dunkel in meinem Schutzraum, aber sicher. Ich fange an, etwas zu entspannen. Wenn ich in diesem Schutzraum an meinen Körper denke, kommt sofort die Angst wieder hoch. Etwas überwältigendes könnte mich ‚überrollen’ – so wie schon einmal in meinem Leben. Der Körper schützt uns davor, in dem er dissoziiert, praktisch aus sich heraus tritt. Diese überlebenswichtige Strategie zeigt sich heute als Erwachsene immer noch. Die Gefahr war einmal real, heute allerdings dürfen wir neue Wege damit finden, wenn wir im Außen, häufig in Beziehungen, in unseren Themen getriggert werden.
Ich versuche, den Zugang über mein Herz zu finden. Am Rande des Schutzraums stelle ich mir mein Herz vor als Eingang bzw. Kanal in meinem Körper. Rote Farbe verströmt sich in meinem ganzen Körper und ich fühle mich sicher und zu Hause. Es steigt eine Energie aus dem Wurzelchakra in mir auf und breitet sich über alle weiteren Chakren nach oben hin aus. Jetzt kann ich die Grenzen – meine Körpergrenzen langsam wahrnehmen. Jetzt bin ich in meinem Körper angekommen – ohne Angst – und es fühlt sich so an, als ob die Sonne scheint. Ich spüre mein inneres in den Körpergrenzen, fühle mich sicher und kann ihn gesamthaft wahrnehmen oder auch einzelne Segmente. Wenn ich in mein Herz spüre, nehme ich Liebe und Mitgefühl wahr. Liebe für mich und Mitgefühl für vergangene Zeiten. Aber auch für die heutige Angst.
Ich bin freudig und glücklich und spüre gleichzeitig, dass mein Herz schmerzt. Ein sehr alter und tiefer, lang festgehaltener Schmerz. Um nicht diesem überwältigenden Gefühl zu verfallen, nehme ich die Empfindungen in meinem Körper als ‚sowohl… als auch…‘ wahr: mein Herz schmerzt und gleichzeitig erlebe ich Freude und Glück, Liebe und Mitgefühl. Wenn beides da ist, da sein kann und da sein darf, spüre ich eine Erleichterung in mir. Ich kann entspannen und loslassen. Einfach damit sein. Es kommt der Satz: Von der weiten Stille und dem Friedvollen aus den Herzschmerz umhüllen und in die Weite mitnehmen lassen…
Diese Phasen habe ich mehrmals geübt, um nicht wieder in die Ohnmacht und Hilflosigkeit zu gelangen. Ich habe mir genau die ‚Grenzübergänge‘ angeschaut, also vom energetischen Schutzraum zu den physischen Körpergrenzen – sehr achtsam und aus der Entschleunigung heraus. Denn Schnelligkeit lässt uns diese wichtigen Zwischenräume nicht spüren. Keine Zeit führt zum übergehen wesentlicher Momente und heutzutage habe ich Zeit, nehme ich mir die Zeit. Früher einmal war das vielleicht nicht möglich, heute entscheide ich aus der Erwachsenen heraus.
Durch diese wiedererlangte Handlungsfähigkeit – die gemachte Erfahrung, dass ich heute und im Hier & Jetzt entscheiden kann, fühle ich mich nicht mehr im Kind, Ich werde wieder zur Schöpferin meines Lebens.
In diesem Zusammenhang kommt mir auch immer wieder der Satz: atme das Leben. Da kommt wohl auch die Bezeichnung aus der Cranio-Sacralen-Therapie her: Der Atem des Lebens. Wenn wir nicht atmen, stecken wir fest. Wir stecken in alten Energien fest und die Gefahr, dass wir die Schleifen der Ereignisse erneut durchlaufen, ist sehr hoch. Wenn ich atme, und zwar bewusst, kann ich die Handlungsfähigkeit, meine Handlungsfähigkeit wieder erlangen. Wenn der Atem stockt, flach ist oder gar komplett angehalten wird, komme ich schnell in Beziehung alter Erlebnisse. Dies ist nicht notwendig und auch nicht zielführend. Es ist viel sanfter, präsent in unserem Körper zu bleiben und damit noch festgehaltenes wieder frei werden zu lassen – zu entlassen. Sanft aber kraftvoll ist hier der Weg zu unserem Selbst. Es muss nicht aus der Katharsis oder einer hohen Anspannung oder Sympathikusaktivierung heraus sein. Das ist sogar schädlich bzw. kann schädlich sein. Viel mehr aus der Kraft des Vagus-Nervs heraus (nach Stanley Rosenberg auch Selbst-Heilungs-Nerv), aus der Entspannung heraus bei gleichzeitiger Präsenz.
Mit sanften Grüßen
Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!





Wunderschön geschrieben. Selbst nur beim Durchlesen kam schon ein tiefer Aufatmer. Der Selbst-Heilungs-Nerv sagt kurz Hallo und ich Dankeschön.
Liebe Annette,
wie wunderbar, wenn wir aufatmen können und unser Selbstheilungsnerv berührt wird durch Worte, die so viel Schwingung in sich tragen.
Ganz herzlichen Dank!
Marion
Liebe Marion,
heute habe ich mir ein Beispiel an dir genommen. Seit langer Zeit habe ich“ ein Symptom im Nacken“ (Hört sich für mich an, wie der Titel eines Gruselromans 😉
Ich möchte heute mutig sein und versuchen, in meinen Körper zu spüren. Mein „noch Normal“ ist seit langer Zeit, vor diesem mir sehr unangenehmen Körpersymptom geflohen. Es ist gefühlt für mich nicht aushaltbar. Weglaufen, ablenken, klein reden, ignorieren, unzufrieden und frustriert sein – es hat nichts geholfen.
In meinem Nacken – da wo der Schädel mit dem Hals verbunden ist, spüre ich einen Druck. In meinem Hinterkopf ist eine Mischung aus Druck und Schwindel, wie wabernder zäher schleimiger dunkelgrauer Nebel. Wirklich passende Worte finde ich nicht. Er macht es mir schwer, mich zu konzentrieren. Ich gehe zum Kühlschrank und weiß dort nicht mehr, was ich rausnehmen wollte … Oh als wie unerträglich ich diesen Zustand empfinde.
Nur diese Worte „wabernder dunkelgrauer Nebel“ – lässt mich aufhören zu atmen.
Was verbirgt sich hinter dieser Körperempfindung? Ist es Angst? Ich habe große Schwierigkeiten, Angst zu fühlen. Ich wollte jahrelang nicht in meinen Körper spüren, hab ihn auch nicht gespürt und dachte, es sei normal. Denken denken denken – gut funktionieren, dazu stets lächeln – so habe ich es im Leben gelernt, das war mein Versuch, Sicherheit zu erschaffen. So mochten mich meine Eltern.
Ja. Ich habe Körpersymptome – klar. Also stelle ich mich heute diesem Symptom und mir heute die Frage:
„Welche Angst steckt dahinter“?
In meiner Hängematte fühle ich mich wohl. Ich mache es mir so gemütlich wie möglich, kuschel mich ein, habe ein Gefühl der Geborgenheit, mache ein paar Entspannungsübungen. Ich spüre den Druck – ich atme wenig, bewege ganz langsam meine Zehen und atme auf. Nochmal – oh oh oh, ach nein. Lieber doch nicht hier spüren.
Ich setze mich gemütlich hin, mein Diffusor läuft, ein heißes Getränk steht neben mir – ich mache Ehrliches Mitteilen mit mir. Ich notiere nur – mein Kopf denkt, dass – ich spüre – ich fühle … ah ja, so nähere ich mich dem Thema, spüre Anspannung in Zunge und Kiefer, im Körper, Kloß im Hals, Übelkeit, den Druck, Zittern, auch Zähneklappern. Ab und zu fühle ich Traurigkeit, wenn mein Kopf mal wieder etwas nicht so Freundliches denkt.
Welche Angst steckt eigentlich dahinter?
Ich schreibe nach entspannenden Atemübungen weiter. Angst vor dem, was kommt, wenn ich mich nicht mehr ablenke. Angst in Zustände zu geraten, die ich allein nicht haben möchte, die mich überfordern, die ich nicht aushalten kann.
Angst, dass Druck und Nebel mehr werden, wenn ich beides da sein lasse, dass alles wieder so anstrengend wird. Dass ich mich wieder so anstrengen muss wie früher, wieder nur noch funktioniere, nichts Schönes fühle, damit allein bin und kämpfe oder dass jemand (oder ich) es bemerkt. Es sollte ja auch niemand bemerken.
Ich habe Angst, dass mehr Erinnerungen kommen, dass ich spüre und fühle, wie schlimm es wirklich war.
– Wie schlimm der Schmerz nach der OP war.
– Wie kraftraubend und verunsichernd der Zustand die Jahre danach mit den Tabletten war – gedimmt und noch mehr anstrengen, um zu funktionieren und gut gelaunt zu wirken.
– Zu bemerken, wie verunsichernd zwei medizinische Folgen waren. Bloß keine Müdigkeit spüren, es könnte ein Hinweis auf ein erneutes Auftreten sein. Bloß kein Kribbeln im Unterleib zulassen, es könnte ebenfalls ein Hinweis sein.
Vielleicht ist es die Angst, dass mein Leben nie leicht, schön und sicher sein wird. Vielleicht die Angst, abgelehnt zu werden, wenn ich wirklich ehrlich mitteile, wenn andere wahrnehmen und sehen, wie ich fühle. Nein die Vorstellung ist nicht gut. Vielleicht die Angst, die Kontrolle zu verlieren, ungebremst vor anderen zu fühlen und zu weinen, zu schluchzen und nicht aufhören zu können.
Noch ist die Angst zu groß, Worte zu hören, wie „Ist doch ewig her, hör doch mal auf mit dieser Leier, nicht schon wieder, dass will doch keiner hören, gibts nichts anderes bei dir?“
Zu groß die Angst, überfordernd für andere zu sein.
Was würde die Liebe tun?
Sofort laufen Tränen, angenehme Tränen. Die Liebe würde ganz sanft meinen Nacken berühren, ihn zart streicheln, es dürften Tränen rollen. Sie hätte Mitgefühl mit mir, sie würde mich in den Arm nehmen und ich könnte es bei ihr zulassen und weinen – ja, was für eine riesengroße Sehnsucht ich da in mir wahrnehme. Ich atme tief und Tränen rollen über mein Gesicht. Ich dürfte mit meinen Gefühlen, mit meinen Tränen da sein. Ich wäre nicht allein und würde trotzdem geliebt.
Ich bin sowohl stolz darauf, mir Zeit genommen und Mut gehabt zu haben, in das Symptom zu spüren – als auch voller Zweifel, ob das das ein zielführender Weg ist.
Ich bin sowohl sanft berührt von dem, was sich am Ende eröffnet hat, als auch beschämt es hier zu teilen.
Ich bin sowohl froh, dass eine Menge Worte auf meinem Papier gelandet sind, Gefühle und Empfindungen sich zeigten, als auch traurig, nicht das Gefühl zu haben, dass das helfen wird.
Ich habe sowohl das Gefühl mich mitteilen zu wollen als auch Bedenken, ob es nicht viel zu viel ist und ob es irgendjemanden interessiert.
Ich bin sowohl voller Zweifel, Bedenken und Unsicherheiten, als auch sicher, dass es ein wichtiges Übungsfeld ist und für mich ein weiterer mutiger Schritt – also schicke ich alles ab!
Liebe Annette,
danke für deine mutigen Zeilen. Ich kann dieses ‚hin- und hergerissen‘ sein so gut nachempfinden. Für mich ist es wichtig, meine Erkenntnisse zu teilen. Mich mit mir zu zeigen, denn jeder Schritt dorthin ist ein Schritt zu mir.
Ich finde es sehr mutig, wie du heute mit alledem da warst. Unsere Angst ist oft so groß und auch unbekannt, denn auch ich habe immer noch Schwierigkeiten, meine Ängste z. T. zu spüren. Oft übergehe ich sie und bemerke es nicht einmal. Wie wertvoll, sie ‚zu fassen‘ zu bekommen und zu erkennen, dass nicht nur die Angst in uns ist. Und wenn wir die Angst spüren, darf sie mit der Zeit kleiner werden – denn es ist ja vorbei. Heute ist es nicht mehr überlebenswichtig, sollten wir andere überfordern oder wenn sie unser Schicksal nicht interessiert. Unser Leben hängt heute nicht mehr davon ab – früher schon.
Ich finde deine Frage wunderschön: Was würde die Liebe tun? Denn Liebe ist die Grundfrequenz in uns, auch wenn wir sie oft nicht sehen oder spüren können.
Ich danke dir für deinen Mut und deine Offenheit, die berührt.
Alle Liebe auf deinem Weg wünsche ich dir!
Herzlichst,
Marion
Die Angst in den Körper zu gehen, kenne ich seit Jahrzehnten. Sie begleitet mich noch immer. Doch mittlerweile mache ich immer mehr Erfahrungen, die mir langsam aber sicher Mut geben.
So auch heute:
Ich komme aus dem Garten. Vor meiner Zeit in den Bergen habe ich noch meine Babypflänzchen in die Erde gebracht. Hoch runter – hoch runter. Kopfüber buddeln. Eigentlich kein Problem für mich. Wenn da nicht der Schwindel wäre.
Aus dem Augenwinkel entdecke ich ein Hausrotschwänzchen, das Futter für seine Kleinen sammelt, die ich überall rufen höre. Als ich mich aufrichte, um es zu beobachten, dreht es sich kräftig in meinem Kopf, ich muss mich am Spaten fest halten und das Bild verschwimmt vor meinen Augen, bis es ruhiger wird und meine Sicht sich wieder klärt. Fast finde ich es noch interessant zu bemerken, wie Schwindel und Sehen einander beeinflussen.
Oben in der Wohnung angekommen, verwöhne ich mich erstmal mit einer Kakaopause.
Doch die Nebelwolke in meinem Kopf wartet nur auf mein gemütliches Hinsetzen, auf ruhige Momente.
Puh – da ist die Schwindelwolke. Heute glaube ich, es nicht ertragen zu können, es ist mir zu stark. Ich glaube, mir diesen Schwindel heute nicht anschauen zu können.
Ich spüre den rauen warmen Ton meiner Tasse. Es fühlt sich so gut an. Dieses Empfinden unter meinen Fingerspitzen mag ich so sehr.
Und wieder nehme ich den Schwindel wahr. Tränen laufen mein Gesicht herunter, der Herzschlag steigt, Vibrieren im Körper setzt ein. Ich nehme Angst in meinem Körper wahr.
Der Geruch des Kakaos holt mich wieder ein, beschert mir ein Aufatmen, meine Füße entspannen sich, die Klänge der Heilungsmusik gelangen wieder an meine Ohren.
Dieses Pendeln geschieht mehrere Male.
Wieder gehe ich zurück zur grauen zähen Wolke, trotzdem kommt ein Gähnen. Beides ist da. Sowohl die Wolke, als auch Entspannung. Ich höre die Klänge der Musik, bemerke den Schwindel wieder, meine Stirn spannt sich an, ich schließe die Augen und lausche den Klängen.
Wie wunderschön die Wirkung der Musik auf mich ist, wie angenehm die warme Tasse in meiner Hand, wie verlockend der Kakao riecht und hmm, wie gut er im Mund schmeckt.
Dieses Erleben macht mir Mut. Es gibt mir das Gefühl, etwas gelernt zu haben, auf einem guten Weg zu sein, mir selber beistehen zu können und ich empfinde so etwas wie Selbstwirksamkeit. Und das fühlt sich verflixt gut an.
Ja, Selbstwirksamkeit als Kraft unserer Selbst. Wie schön du den Weg beschreibst und auch das Pendeln, die die Angstdämonen kleiner werden lassen, übersichtlicher und geordneter. Die Angst darf langsam gehen, weil es neue, gute Erfahrungen gibt. Wie wunderbar!
Alles Liebe zur Dir!
Marion
Liebe Marion,
und wieder lande ich hier, bei diesem Artikel von dir.
Immer nehme ich die Inhalte anderes wahr, immer löst es etwas anderes in mir aus.
Diesmal ist es auch das Thema Dissoziation.
Ich bin voller Mitgefühl zu lesen, dass du Momente in deinem Leben erfahren musstest, an denen es nötig war, deinen Körper zu verlassen und zu dissoziieren.
Und ich bin dankbar, dass du deine Erfahrungen und Prozesse mit uns teilst. Sie zeigen mir, ich muss nicht allein bleiben mit meinen Themen, darf darüber reden. Es macht mir Mut, in mir weiter zu forschen, hier zu schreiben.
Wieder ist mein Nacken blockiert, die Muskeln sind dauerangespannt und der Kopf schmerzt. Nach einer Sitzung zu diesem Thema, ist mein Nacken präsenter, ich versuche, nicht wie gewohnt – alles auszublenden.
Vor drei Tagen habe ich mich wieder mal so richtig doll und schmerzhaft gestoßen – rechts oben – da, wo ich nichts sehe. Und was mache ich? Ich fluche laut und nicht unbedingt sanft. Ich bemerke es im Nachhinein, versuche ein „Aua“. Die Stelle tut wirklich weh und auch für den Nacken war es nicht zum ersten Mal mal, eine ordentliche Erschütterung – so plötzlich – erschreckend – verunsichernd – aus dem Nichts.
Ich versuche, für mich zu sorgen, mummel mich warm ein und gönne mir meinen geliebten Kakao. Und „zufällig“ 😉 lese ich einen Artikel über Selbstmitgefühl. Wie passend. Mehr Wärme für mich aufbringen, verständnisvoller und versöhnlicher mit mir zu sein, meinen Schmerz, die Traurigkeit, Unsicherheit achtsam erkennen, fühlen und heilen. Oh ja. Wie schön wäre das! Mir selbst gegenüber eine wohlwollende, fürsorgliche Haltung entwickeln – nicht immer tapfer sein müssen.
Ich lese: die Stärke des sanften Selbstmitgefühls liegt im „Halten“ unseres Selbst, im uns Trösten. Upps, genau das war letzte Woche Thema.
Es liest sich wunderschön, doch gleichzeitig verschließt sich etwas ganz schnell.
Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Selbstkritik (und dazu zähle ich mein Fluchen mal), unser inneres Gefahrensystem aktiviert, das Gehirn reagiert. Eine Kampf, Flucht oder Erstarrungsreaktion wird ausgelöst. Ich greife mich praktisch selber an.
Das möchte ich nicht! Ich möchte mich nicht selbst attackieren.
Dami Charf schreibt: “
„Wenn wir Mitgefühl mit uns haben, werden unser Leiden und das manchmal harte Auftreten oft auf schon fast mystische Art plötzlich weicher. Die Dinge treten mehr an ihren Platz und der Kampf lässt nach, wenn ich anfange Verständnis für mich zu haben und mich zu mögen.“
Doch ich nehme Angst in mir wahr, weicher mit mir umzugehen. Zu lesen, dass beruhigende Berührungen, Wärme, freundliche Worte – Oxytocin und Opiate freisetzen, lässt mich kurz wohlig seufzen und gleichzeitig macht es mir Angst. Gefühlt ist da hinten im Nacken so viel vergraben und verschlossen. Abgespalten.
Ich denke daran, dass ich mich an einen längeren Zeitpunkt in meinem Leben nicht erinnern kann. Beim Lesen in deinem Artikel über Dissoziation, wird mir bewusst, auch eine Amnesie ist ja irgendwie etwas sehr Ähnliches. Ich traue mich da nicht ran. Sanftheit habe ich lange gemieden. Wohlwollen hilft nicht unbedingt, weiterhin zu funktionieren. Und das wollte ich.
Ich darf und möchte Sanftheit und liebevolles Umgehen mit mir lernen.
Und trotzdem klopft irgendetwas an in meinem Nacken, was mich gruseln lässt.
Gestern im Sonnenschein allein an einem See, stellte ich mir die Frage:
„Was wenn ich Mitgefühl mit mir jetzt schon spüren könnte“.
Und auch da war die Reaktion sehr ähnlich. Erst wurde mein Gesicht weich, die Schultern entspannten wohlig, ich spüre die Sehnsucht danach. Doch als ich das Tränenpotential der Frage spürte, verschloss sich ganz flink alles wieder.
Ja, ich habe Angst, in meinen Körper zu gehen, meinen Nacken zu spüren, Weichheit einzuladen. Zu groß noch die Angst, vor so vielem … vor Schmerz, vor Erinnerungen, vor dem Mich-so-zeigen, Angst, die Kontrolle zu verlieren, vor Bewertung, abgelehnt zu werden, vor große Angst vor Scham …
Lieber widme ich mich mal der Frage:
Was wäre, wenn die Adlerfeder von Bear Heart mit sanftem Wedeln auch meine Ängste und die Angst vor den Ängsten verscheuchen könnte?
Liebe Annette,
du schreibst: ‚…und auch für den Nacken war es nicht zum ersten Mal mal, eine ordentliche Erschütterung – so plötzlich – erschreckend – verunsichernd – aus dem Nichts.‘ Ja, das darfst du sehen. Dich sehen, dass du da plötzlich und unerwartet ein schmerzhaftes Erlebnis erfahren hast. Immer wieder ein tiefer Schreck.
Dein Umgang damit war bislang zu funktionieren. Wie der Prinz, der gestürzt ist: Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen….
Es kommt auf die Zwischenräume an und diese mehr und mehr bewusst wahrzunehmen. Was geschieht da eigentlich in einem solchem Augenblick? Unerwartet kommt etwas in dein Leben, was du nicht eingeladen hast. Wie geht es dir damit? Was macht das mit dir? Wie findest du nach einem solchen Ereignis wieder in die Ruhe und Entspannung? Und gleichzeitig gilt es zu schauen, zu was lädt dich das Leben ein? Vielleicht noch genauer hinzuschauen und ergründen, was es dir sagen möchte? Vielleicht geht es nicht mehr nur darum zu funktionieren? Wo bist du da eigentlich, wenn wieder diese unerwartete Erschütterung auf dich einwirkt? Bist du im Kopf? Bist du in der Vergangenheit oder in der Zukunft? Hier vielleicht in die Erforschung gehen und schauen, wozu nützt es gar?
Mitgefühl?
Wenn ich fluche und schimpfe folge ich da nicht eigentlich nur alten Mustern meiner Kindheit? Ich mache mich selbst klein, verachte mich vielleicht sogar für meine Unachtsamkeit und gleichzeitig darfst du mal schauen: Wer spricht da eigentlich? Sind es die Worte meiner Mutter oder auch die meines Vaters, die ich wie in einem Programm unreflektiert wiederhole? Sind diese heute noch nützlich? Darf ich verstehen, dass diese Zeit vorbei ist und ich heute einen anderen Weg, meinen Weg gehen darf? Verstehen, dass ich heute nicht mehr abhängig, ja, sogar erwachsen bin? Ich heute mehr und mehr der Realität ins Auge schauen und realisieren darf, dass ich heute für mich verantwortlich bin.
All das kenne ich zumindest aus meinem Leben. Mit den Beschimpfungen gehe ich eigentlich nur über mich selbst hinweg, weil ich gar nicht spüren möchte, was darunter sitzt. Aber warum eigentlich nicht? Weil vielleicht meine Eltern früher keine Kapazität für meine Gefühle hatten? Weil ich früh gemerkt habe, dass ich damit meine Eltern überfordern könnte? Somit blieb ich mit allem allein – bis heute.
Heute bin ich erwachsen und darf mir anschauen, was habe ich ’nur‘ übernommen und möchte ich dies fortführen? Oder ändere ich vielleicht meinen Weg und schaue, was dieser Teil braucht, der sich gerade erschrocken hat, sich unsicher und vielleicht überfordert fühlt? Vielleicht braucht er gar kein schimpfen, vielleicht braucht er ‚gesehen‘ zu werden, in den Arm genommen und getröstet zu werden? Das nenne ich dann Mitgefühl. Ich fühle mit diesem Anteil in mir – ich fühle mit mir mit!
Liebe Annette, ich wünsche dir Verletzlichkeit mit dir selbst, denn das ist oftmals unsere größte Angst im Leben. Wenn wir uns verletzlich zeigen, kommt unser Verstand mit 1000 Möglichkeiten, genau dies nicht zu tun. Wenn du aber reflektierst, wie deine Mitmenschen reagieren, wenn du dich verletzlich zeigst, offenbart sich eine andere Geschichte. Vielleicht hast du es auch schon einmal erlebt? Dann stehen 1000 Erfahrungen gegen Eine und die darfst du mehr und mehr wiederholen…
Alles Liebe für deinen Lebens-Weg
Marion