Raymond – eine Kurzgeschichte die berührt
Ohne Worte… und das Gefühl, ‚zu viel‘ zu sein
Ich bin augenblicklich ohne Worte… Eine ’sinnierende‘ Stille in mir, die beobachtet, nicht im ‚Tun‘ ist und keine Worte formt. Ewas später:
Ich bin richtig – ich bin gut genug – die Menschen hören mir zu… Dies alles sind Glaubenssätze, die sich ins positive gewandelt haben.
Kennst du das auch, dass ein Ereignis dazu führt, dass die Familie wieder zusammenkommt und mehr Nähe entsteht? Und dann bricht plötzlich deine ganze Kindheit wieder aus. Der Spiegel ist so groß, dass du ihn nicht übersehen kannst.
Mir ist das passiert und ich bin in einen tiefen Schockzustand gegangen. All das, was früher schon war, baute sich plötzlich so deutlich vor mir auf: zu viel für die Mutter zu sein, nicht anerkannt vom Bruder zu sein und festzustellen, dass es keinen gemeinsamen Nenner zu geben scheint – außer der gleiche Familienname.
Geschockt darüber, wie schnell sich aus Rückzug und Abkapselung Trennung vollzieht und damit verbunden die gleiche Hilflosigkeit auftritt wie zu Kinderzeiten.
Ich fühle Traurigkeit und da ist die Erinnerung an das Alleinsein, des Einzelkämpfers, des nicht Gemeinsamen.
Nun hatte ich mich wieder so angestrengt, dass die Familie näher zusammenkommt, das gemeinsame kommunizieren gefördert, um die bestmögliche Lösung zu finden. Und es hat mich wieder eiskalt erwischt, so naiv, wie ich in alles hineingegangen bin.
Da ist die Frage: warum sollte es heute eine Lösung geben für diesen Konflikt, wenn es ihn damals als Kind schon nicht gegeben hat?
Und doch bin ich immer wieder Kind: unschuldig, naiv und voller Liebe und Tatendrang für das Gute, das Gemeinsame, die Liebe….
Es hat mich sehr erwischt und nun leide ich das Leiden meiner jungen Tage. Alles wiederholt sich im Leben, bis wir hinschauen – richtig hinschauen. Uns dessen bewusst werden, damit wir es nicht mehr reinszenieren brauchen.
Mein Nervensystem hat offenbar noch nicht verstanden, dass mein Überleben heute nicht mehr abhängig ist vom Dasein meiner Mutter oder meines Bruders. Heute gerate ich nicht in Lebensgefahr, wenn sich aus meiner Sicht niemand um mich kümmert, wenn ich ab- bzw. zurückgewiesen werde oder sich innerlich (durch Ignoranz) oder äußerlich (durch Weggehen) von mir getrennt wird. Heute überlebe ich diesen Zustand, auch wenn ich mal wieder ‚zu viel‘ war, auch wenn meine Sicht der Dinge ist, nicht nicht richtig zu sein, wie ich bin. In meinem Nervensystem ist offenbar noch nicht angekommen, dass ich es heute ja schon überleb habe,
Welch eine Kraft hinter all diesen Glaubenssätzen, Interpretationen und tiefen Prägungen im Gehirn noch sitzen. Diese tiefen Prägungen entstammen meist in der frühen Entwicklung aus dem Stammhirn, zu der Zeit, wo der Neokortex noch nicht ausgebildet war. Kein Wunder, wenn die Programme in Lichtgeschwindigkeit ablaufen und wir uns in alten Überlebensmustern von Kampf, Flucht oder Erstarrung heute immer noch wiederfinden.
Das Gute ist, wir dürfen innerlich verstehen. Wir dürfen verstehen, dass die Gefahr vorüber ist und heute unser Leben eben nicht mehr davon abhängt, was ich interpretiere (weil mein Gegenüber aus dem Kontakt geht) , welchen Glaubenssatz ich verinnerlicht habe (ich bin falsch, ich bin zu viel, ich muss mich zurücknehmen). Aus dieser neuen Erfahrung können wir unsere tiefe Prägung neu verhandeln. Wir dürfen unser Muster erkennen und verstehen, dass ich heute mit 57 Jahren nicht mehr von meiner Mutter abhängig bin oder vom Zuspruch meines Bruders.
Das Erkennen braucht sicherlich einige Wiederholungen, da die frühen Prägungen tief in unser Nervensystem programmiert sind. Gleichzeitig ist alles möglich und auch, dass wir diese alten Muster mehr und mehr gehen lassen dürfen. Und es wird auch immer wieder mal Augenblicke geben, wo wir genau davon wieder getriggert sind, denn die Wunde wird aus meiner Sicht nie ganz geheilt, ein Narbe die erinnert, bleibt zurück. Es ist unsere Wunde mit der wir lernen dürfen, aufmerksam und liebevoll da zu sein. Auch dürfen wir die Gabe daraus erkennen, die genau aus dieser Erfahrung gewachsen ist.
Ich bin z. B. pünktlich. Wenn ich mich verabrede, dann komme ich – aus Respekt dem anderen gegenüber. Sehr moralisch. Ich bin zuverlässig und zugewandt und versuche Konflikte, wo immer möglich zu bereinigen, damit wieder Harmonie entsteht. Ich nehme mich zurück, wenn ich merke, ich könnte ‚zu viel‘ werden. Ich versuche alles richtig zu machen und habe den Hang zum Perfektionismus. Ich kann aufmerksam zuhören und habe eine hohe Präsenz. Zusammenfassend könnte man sagen, ich weiß, wie ich mich anpasse und die Stimmung halte…
So viele Gaben und doch so unglücklich? Klar, weil Gaben in den Hintergrund treten, wenn sie nicht gesehen werden können. Und warum werden sie wohl nicht gesehen? Weil ich genau mit diesen Gaben etwas erreichen möchte. Ich möchte Kontakt, ich möchte gesehen und gehört werden, ich möchte Lob & Anerkennung im Außen, ich möchte Harmonie, ich möchte….?
Wenn Absicht nicht rein ist, überzeugen, beeindrucken oder recht haben möchte, dann sprechen wir nicht aus unserem Inneren, aus dem Herzen.
Und so rackere ich mich mein Leben lang ab, um das Leben der Anderen zu bedienen. Und dann frage ich mich auch noch, warum ich oftmals so unzufrieden bin?
Oh je, es wird Zeit aufzuwachen und mein Leben zu leben. Es wird Zeit, nicht mehr an meine alten Glaubenssätze zu glauben und mich zu hinterfragen, ob die wirklich noch aktuell sind. Es wird Zeit, dass ich die Interpretationen lasse und den Mut aufbringe, mein Gegenüber zu fragen, ob das, was ich denke, meine, interpretiere, auch wirklich wahr ist (zum Blogartikel Glaubenssätze wandeln).
Ich muss in die Handlung kommen. Nicht mein Gegenüber! Ich darf hinschauen, was der Spiegel macht mit mir. Ich darf mich annehmen, wie ich bin, dann braucht es auch nicht mehr den Spiegel im Außen, der mir die Themen zeigt, die ich noch nicht sehen kann…
Mich öffnen für die Vielfalt des Lebens und mich treiben lassen und vertrauen, wo ich ankomme…
Die wahre Kraft liegt im Bewusst-Sein!
Na ja, ein schöner Satz, der im Moment eher noch eine Sehnsucht darstellt. Und gleichzeitig sind Sehnsüchte Erfahrungen, die uns bekannt sind und die wir wieder erinnern möchten im Leben. Ein Zustand, der leicht, selbstverständlich und ohne Anstrengung verbunden ist…
Es geht doch darum, selbst zu lernen. Uns selbst zu entdecken und Veränderung in uns entstehen zu lassen. Nicht im Außen, nicht im Anderen, nein in mir selbst erfahren… Und der Körper unterstützt uns dabei, denn:
Der Körper ist ein Ort, in dem Leben fühlbar wird!
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Am nächsten Tag beim Joggen…
Ich überprüfe meine Glaubenssätze von gestern und mir kommt der Satz: Ich Ich bin richtig.
Ich fühle Freude, Dankbarkeit, Mut, Neugier, Begeisterung, am größten ist jedoch die Freude in meinem Herzen. In diesem Augenblick kann ich die Trennung erkennen, die sich zwischen meiner Mutter und mir ergibt. Sie geht ihren Weg, der für sie richtig ist, damit sie sich richtig fühlt und ich gehe meinen Weg, der für mich richtig ist, weil ich anerkenne, dass ich richtig bin.
Es geht nicht um richtig oder falsch, es geht darum, mich in all meinem Tun des ‚zu viel seins‘ anzunehmen und JA zu sagen – ja zu mir selbst!
Ich muss mich heute nicht mehr verhalten, damit es anderen gut geht. Ich bin richtig, so wie ich bin. Mich anzunehmen, egal welchen ‚Scheiß‘ ich auch mache, Ich bin immer richtig – weil ich in der Annahme bin.
Sprich nicht, um zu überzeugen, sprich um wahr zu sein!
Der Satz: Glaube erneuert mich jeden Tag und das Mantra Sat Chit Ananda, was ich heute früh von Deepak Chopra hörte, hat mich hierhin begleitet. Ich wurde hierher begleitet, meinen Glaubenssatz zu wandeln aus ‚ich bin falsch‘ zu’ich bin richtig’.
Ich spüre Stärke in meinem Körper und Gedanke sind da, dass ich groß bin und dass ich heute nicht mehr von meiner Mutter abhängig bin. Wenn ich eine Metapher verwende, dann brauche ich heute nicht mehr wie eine alte verschrumpelte Frucht noch im Februar am Baum (meiner Mutter) hängen und langsam verfaulen, bis ich abfalle. Heute lasse ich endlich los und werde zu einem neuen Baum mit vielen Blüten, aus denen wunderbare Früchte entstehen:
Mein Lebensbaum!
Und auch heute zeigt mir mir diese Erfahrung wieder, wie wichtig das Annehmen meiner Selbst im Augenblick ist und das loslassen alter Erfahrungen, die mit meist selbst verinnerlichen Glaubenssätzen, wie unverrückbar in mir Platz genommen haben und ein Leben lang unbewusst in mir wirken. Gleichzeitig erkenne ich, wie so oft zuvor und doch immer wieder vergessen, dass ich mir jeden Augenblick neu erschaffen kann. In jeden Augenblick besteht die Möglichkeit, einen neuen Weg einzuschlagen – der Weg zu meinem Selbst.
Diese unbändige Wut, die ich in letzter Zeit so stark verspüre, die hat ganz viel mit mir selbst zu tun. Ich gebe die Wut ins Außen und mache meine Familie oder Partnerschaft für meine Ohnmacht verantwortlich. Und so war es früher als Kind sicher, wo ich meine Wut nicht mitteilen durfte und in lieber in die Ohnmacht gegangen bin, weil ich noch abhängig war. Doch heute, wo ich erwachsen bin, mein eigenes Leben bestreite, darf ich auch in meine Verantwortung gehen. Ich darf erforschen, was genau mich wütend macht, denn oft ist es das Übergehen meiner Selbst (vgl. Wut als Ausdruck unserer Achtung)
Ich habe die Angst, ‚zu viel‘ zu sein. Als Kind war das offenbar meine Erfahrung, als Erwachsene darf ich die Verantwortung mehr und mehr selbst übernehmen. Ich verhalte mich nicht mehr, damit es anderen gut geht! Ich achte mich und erkenne mich an – in jedem Augenblick. Auch in den Augenblicken meines Schattendaseins erkenne ich mich an, genau dann, wenn ich mich selbst überhaupt nicht leiden mag. Und möglicherweise fällt die eigene Anerkennung etwas leichter, wenn ich in meinem Licht strahle…
Schatten ist das Licht, was noch nicht erinnert wurde…
Ich bin in Ordnung, ich bin richtig. Das akzeptiere ich in jedem Schatten-Augenblick meines Lebens.
Ich brauche nicht mehr die Anerkennung im Außen, um leben zu dürfen. Ich darf mich selbst erlauben und erkennen, dass die Verantwortung für mein Leben in mir liegt – auch in meinem Glauben. Glaube erneuert mich jeden Tag…
Ich glaube an mich!
Ein positiver Glaubenssatz in mir, der tief verankert ist und mir immer wieder hilft, solche Situationen wie die ‚zu viel‘ zu sein in mein Bewusstsein zu bringen und das, was dahinter liegt, zu erkennen und zu transformieren.
Heute bin ich ganz allein für mein Leben verantwortlich…
Jetzt, wo ich das erkannt habe, brauche ich meine Wut nicht mehr ins Außen richten, nur weil Menschen nicht das tun, was ich vermeintlich brauche. Und gleichzeitig brauche ich meine Wut nicht mehr gegen mich richten, weil ich verstanden habe, dass ich heute nicht mehr abhängig bin.
Marion




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