Die heilige Wunde

Blog - Die heilige Wunde 1 - Praxis körperorientierte Cranio-Sacral-, Trauma-, Psychotherapien & Coachings - Marion Welz - Heilpraktikerin Berlin

Die heilige Wunde

Bei Traumatisierung liegen die Wunden tief. Wenn wir sexuellen Missbrauch erfahren haben, wurde uns unser Heiliges genommen. Etwas, wo wir uns mit unserem Geschlecht identifizieren. Etwas, woran wir uns orientieren.

Meine Weiblichkeit wurde gebrochen. Sehr früh im Leben – im Alter von zwei Jahren und wahrscheinlich auch noch früher durch die fehlende Bindungserfahrung. Mir wurde meine Weiblichkeit genommen.

Ich fühle mich oft als Nichts ohne Identität. Mein ICH hat sich nicht in dem Sinne ’normal‘ entwickelt und dadurch, dass ich ‚gebrochen‘ wurde, war meine Überlebensstrategie die Anpassung.

Im frühen Alter können wir weder kämpfen noch flüchten, also erstarren wir, da die einzige Möglichkeit zu überleben ist, sich der Situation zu stellen, in ihr auszuharren.

Fortan passen wir uns an. Wir schauen, dass möglichst kein Stress aufkommt der uns schaden könnte. Je friedlicher das Außen ist, umso sicherer das Innen. Ich orientierte mich fortan nur noch nach außen und entwickle keine Bedürfnisse bzw. nur ein Bedürfnis: meinem Außen (meiner unmittelbaren Bezugsperson) soll es ‚gut’ gehen. Das wird zu meiner Überlebensstrategie. Daher sind wir auch im späteren Leben so sehr auf Harmonie aus: ja kein Stress mit anderen, was gleichzusetzen ist, dass es auch kein Stress für mich gibt. Wir sind ständig dabei, unser Außen zu beobachten und zu scannen, um zu schauen, dass es ihm gut geht. Wir verwenden viel Energie hierauf und passen uns in unserem Leben ständig an. Wir schauen, dass es anderen gut geht, damit es uns gut geht.

Wir sind freundlich und nett, lächeln (vielleicht auch Dinge weg), das Nein sagen fällt uns schwer, denn wir wollen ja Ruhe und nicht Auslöser von möglichen Konflikten sein. So nehmen wir uns mehr und  mehr zurück, unterdrücken die eigenen Bedürfnisse bzw. stellen die Bedürfnisse anderer über die eigenen.

Der Schmerz, dass mir meine Weiblichkeit genommen wurde, liegt sehr tief.

Was heißt das eigentlich, mir wurde meine Weiblichkeit genommen? Das bedeutet, dass ich meine Weiblichkeit – auch hormonell gesehen, nicht aus gelebt habe. Ich wollte schon früh ein Junge sein, habe mir meine Brüste weg gewünscht und sie hier durch sicherlich indirekt auch unterdrückt, habe das weibliche abgelehnt. Weiblichkeit bedeutet verletzlich zu sein, sich nicht geschützt zu fühlen, ausgeliefert zu sein, sich nicht wehren zu können…

Am schwersten wiegt wohl dass ‚sich nicht wehren können‘. Vor allem wollte ich stark sein und habe sowohl in Kindertagen als auch im Erwachsenenleben andere oft ‚beschützen‘ wollen. Ich wollte sachlich objektiv sein. Meine Gefühle gar nicht an mich ran lassend bin ich durch das Leben gegangen mit festgehaltener Lebensfreude und einer großen Portion Melancholie im Gepäck.

Wie gehe ich jetzt mit all dem um?

Auf unserem Heilungsweg gibt es aus meiner Erfahrung heraus 4 Stadien:
1. Erkenntnis
2. Fühlen
3. Annehmen bzw. loslassen
4. Transformation bzw. Integration

Ich befinde mich gerade im Stadium des ‘Fühlens‘. Der Schmerz, der mit der Erkenntnis ein hergeht, dass mir meine Weiblichkeit genommen wurde, diesen zu fühlen. Damit da zu sein, dass es so war. Dass so etwas passieren konnte. Dass niemand da war, der mich beschützt hat. Das meine Vertrauensperson zudem mein Vertrauen ‚missbraucht‘ hat. Dass ich seither nicht mehr vertrauen kann – auch mir nicht. Dass ich das Fundament für meinen Glaubenssatz legte, etwas falsch gemacht zu haben. Nicht richtig zu sein. Ich bis heute fühle, nicht richtig zu sein. In meinem Körper, der mehr männliche Attribute zeigt, meine Psyche, die ‚gebrochen‘ wurde und meine Seele, die einen wesentlichen Anteil – mich weiblich zu fühlen – verloren hat.

Diesen Schmerz, der mit alldem ein hergeht, darf ich jetzt fühlen. Damit Dasein, um das Thema dann auch ganz für mich annehmen zu können. Es anschließend loslassen zu können, um es im weiteren Verlauf zu transformieren und zu integrieren.

Transformation für mehr Lebendigkeit – auch in meinem weiblichen Körper und in meinem ganzen sexuellen Dasein.

Ich lasse den Schmerz ankommen, den mir alt bekannten Herzschmerz und ordne diesen meiner verlorenen Weiblichkeit zu. Das bringt mir für den Augenblick Orientierung und Klarheit im Kopf.

Wie fühlt sich meine Weiblichkeit für mich an?

Ich spüre in mich und fühle meine Weiblichkeit, die sich total verletzt anfühlt. Insbesondere ist natürlich mein Herz betroffen. Es schmerzt. Die Frage ist jetzt, wie ich meine Weiblichkeit wieder erlange? Ich lasse alles genau so, wie es ist. Ich nehme die Verletzlichkeit meiner linken Körperhälfte und meinen Herzschmerz wahr und lasse alles da sein, so wie es ist (Stadium desAnnehmens bzw. Loslassens‘). Plötzlich öffnet sich was. Es weitet sich ein Feld vor meinen Augen. Ich nehme meine rechte Körperseite klarer war als die linke – die linke wirkt etwas weniger präsent. Der Herzschmerz kommt zurück. Ich lasse los… Lasse alles los. Lasse den Augenblick los. Meine Atmung stellt sich ein. Meine linke Hand zittert, mein Tentorium vibriert. Ich möchte loslassen. Nicht mehr festhalten an vergangenem. Ich möchte frei sein. Ich durchlaufe noch einige Traumaschleifen. Ich nehme einen tiefen Atemzug und tauche ab. Tauche ab ins Niemandsland – ich werde ‚geatmet‘. Es ist Ruhe und ich fühle mich geborgen. Ich fühle mich gerade sicher in meinem Körper. Und gleichzeitig fühle ich mich leer. Nicht leer im negativen Sinne, sondern leer im Sinne von Abwesenheit von Gedanken, einfach Sein, Stille. Ich nehme einen tiefen Atemzug. Ich bin ganz in mir angekommen und verweile in diesem Zustand. Ich nehme meine linke Seite noch abgetrennt von der rechten wahr und es ist es ok, so wie es ist. Ich muss gar nichts tun im Augenblick. Ich darf es einfach nur bemerken. Es folgt ein weiterer tiefer Atemzug und ich nehme wahr, dass ich Zwiegestalten bin. Ich bin zwei geteilt. Mit einer linken weiblichen Seite, die ich nicht liebe und einer immer präsenten starken rechten Seite, die mir verlässlich Sicherheit und Schutz bietet. Die linke ist verschüchtert und zurückgezogen, die rechte groß und dominant.

Vielleicht darf sich da demnächst etwas ausgleichen, transformieren? Die linke Gehirnhälfte meldet sich gerade, aber es geht jetzt gar nicht um das helfen. Es geht um das annehmen und loslassen. Es darf alles so sein, wie es ist und ich beobachte, was ist. Ich stelle mir die Frage, was es braucht, das rechte und linke Körperhälfte sich vereinigen? Ich bin unbeteiligt und habe keine Idee. Mein Körper wird es schon wissen – ich vertraue ihm ganz. Ich habe gelernt, dass ich ihm hier vertrauen darf. Das es manchmal Zeit braucht – und den entsprechenden Raum.

Ich fühle in meinen Körper hinein. Ich nehme wahr, dass es gerade gut so ist, genauso wie es ist. Ich bleibe in dieser Leere und bin offen für alles, was ist. Ich habe das Gefühl, dass sich linke und rechte Körperseite im Becken annähern – wie eine Vereinigung (Beginn des Stadiums der ‚Transformation‘). Und es fühlt sich jetzt ganz stabil an, gefolgt von einem tiefen Atemzug. Ich bin in einem zeitlosen Raum angekommen, Zeit spielt keine Rolle mehr. Ich habe das Gefühl, dass die Energie zwischen links und rechts über das Becken etwas anfängt zu fließen. Es bekommt eine Stabilität und es richtet sich neu aus. Ich habe Körpersensationen durch zittern und Bewegungen und eine neue Traumaschleife beginnt. Mir kommen die Worte: Liebe ist wahrhaftig. Lieben, was ist. Mein Sakralchakra macht sich bemerkbar und die Energie steigt auf Richtung Solar plexus, Herz – und hier kommen mir die Worte: lass dein Herz los. Immer wieder wiederholt sich dieser Satz in mir. Lass dein Herz los – begleitet durch einen tiefen Atemzug.

Es scheint viel Energie gebunden zu sein. Ich darf jetzt langsam loslassen. Loslassen im Schmerz und loslassen am Verlust der Weiblichkeit. Die Energie darf jetzt aufsteigen und darf meine Körperhälften vereinigen. Mein Herz darf heilen. Und meine Kehle darf dem unaussprechlichen irgendwann eine Stimme geben. Dann darf ICH heilen – vollständig. Es kommt eine neugierige Freude auf und eine körperliche Erkenntnis überkommt mich wie etwas großartiges, dass ich mit Worten gar nicht beschreiben kann. Mein Herz öffnet sich und es wirkt voller. Sehr lichtvoll fühlt es sich in meinem Kopf an. Ich gähne und entlade damit angestaute Energie im Kehlkopfbereich entlassen werden kann. Das Gähnen fällt mir etwas leichter als sonst, ich scheine Energie losgelassen zu haben. Wieder einmal.

Meinen Unterkörper nehme ich schon verbunden wahr. Vielleicht kann ich diese Verbundenheit nach oben aufsteigen lassen? Es weitet sich wieder etwas und ich hole wieder einen tiefen Atemzug und gähne. Es integriert sich erneut ein Teil. So läuft es weiter bis sich mein rechtes und linkes Herz vereinigen. Die Energie fließt weiter zu meinem Kehlkopf und findet keinen Durchlass. Ich versuche mich zu öffnen, was nicht klappt. Ich weiß wie es ist, wenn die Energie in Ansätzen durch fließt, ich habe es die letzten Tage schon einmal erleben dürfen. Hierzu darf ich mich gar nicht anstrengen, sondern darf ‚einfach nur‘ loslassen – die Energie frei fließen lassen. Ein wenig Energie fließt durch und ich habe das Gefühl, es fließt direkt in meine linke Gehirnhälfte. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl: dieses Thema auszusprechen und ihm eine Stimme zu geben.

Wenn die Energie durch mein Kehlkopfschackra fließt, ist es wie eine Erlaubnis, das Geschehene auszusprechen. Ich gebe mir die Erlaubnis, dem unaussprechlichen eine Stimme zu geben. Die Energie fließt und es entsteht eine Verbindung zwischen Kehlkopf und Gehirn. Es ist noch kein freies Fließen, aber immerhin. Ich bekomme eine Ahnung davon, was es bedeutet, wenn die Energie frei fließen kann.

Ich darf mir eine Stimme geben. Ich erlaube mir, meine Stimme zu erheben (Stadium der ‚Integration‘).

Da die Wunde so tief ist und die Erlebnisse so schleierhaft, trauen wir uns oft nicht, es einerseits für uns an zu erkennen, dass so etwas mit einer uns sehr vertrauten Person überhaupt geschehen konnte, wo unser Verstand sich sagt, es kann nicht sein was nicht sein darf und andererseits mit nicht belegbarem Material und ’nur‘ mit dem eigenen Erleben und Erkenntnissen in die Öffentlichkeit zu treten. Daher erlauben sich die Menschen mit sexuellem Missbrauch oftmals nicht, mit dem Erlebten, unserer Selbstbegegnung (wie Prof. Franz Ruppert dies mal in einem Interview nannte) nach Außen zu treten – wir erlauben uns eben nicht, unserer Stimme Ausdruck zu verleihen.

Mein Kehlkopf fühlt sich an wie ein Knäuel festgehaltener alter Energie, erstarrt und unflexibel und zum Teil ohne Leben. Er darf jetzt weicher werden und damit mein ganz eigener Ausdruck auch. Die Energie darf fließen – mehr und mehr. Ich darf mir erlauben, die Energie fließen zu lassen. Ich darf atmen und ich darf Sein. Ich gähne, aber die Energie ist noch festgehalten. Ich darf diese festgehaltene Energie im weiteren langsam loslassen und dann in meine Stimme kommen.

Ich darf die festgehaltene Energie in meinem Kehlkopf endlich loslassen. Ich weine und auch hier ist der Schmerz sehr groß. Ich lasse ihn zu, ich lasse ihn da sein, ich beobachte ihn. Mir kommen die Worte:

Die reine Liebe darf jetzt fließen. Meine Liebe darf fließen.

Dies ist jetzt wohl der intimste Blogartikel, den ich geschrieben habe. Ich bin schon seit Monaten am überlegen, ob ich ihn veröffentliche, feile immer wieder neu daran und jetzt, jetzt ist es soweit. Es ist wichtig, diesem Thema eine Stimme zu geben und meine (Körper)Erfahrungen zu teilen, um aus der Dunkelheit ins Licht zu gelangen und diesen Anteil für mich weiter zu integrieren.

Mit einfühlsamen Grüßen

Marion Welz

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