Trage dein Licht in die Welt

Trage dein Licht in die Welt - Beitrag Marion Welz Berlin
Tief in mir vernahm ich schon recht früh, dass ich mich ‚besonders‘ fühle. Die Welt im Außen konnte es nicht erfassen und ich habe, vielleicht auch wegen meiner Hochsensibilität zu Beginn meines Da-Seins eine gewisse Dunkelheit erfahren. Meine Wahrnehmung, etwas ‚besonderes‘ zu sein, verbarg ich fortan tief in mir, sie musste wohl falsch sein, wenn es niemand zu sehen vermochte. Ich versteckte mich zunehmend und spielte das Spiel des Lebens mit, wie viele andere auch. 

Über Generationen haben viele Kinder nach dem Krieg einen Erziehungsstil erfahren, der dem Erziehungsratgeber von Johanna Haarer „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ folgte:

„Das Kind soll tags wie nachts in einem stillen Raum für sich sein. Die Trennung von Familie und Kind beginnt gleich nach der Geburt: Sobald der Säugling gewaschen, gewickelt und angezogen ist, soll er für 24 Stunden allein bleiben. Das Füttern mit der Flasche sollte keinesfalls länger dauern als zehn Minuten, das Stillen nicht länger als zwanzig Minuten. Wenn das Kind ›bummelt‹ oder ›trödelt‹, soll das Füttern oder Stillen abgebrochen werden. Essen gibt es erst wieder bei der nächsten planmäßigen Mahlzeit. Hat das Kind bis dahin Hunger, geschieht es ihm erstens recht und zweitens lernt es dann, dass es sich beim nächsten Mal mehr beeilen muss.“ Sigrid Chamberlain

„,Das Kind wird gefüttert, gebadet und trockengelegt, im Übrigen aber vollkommen in Ruhe gelassen‘. ‚Die Überschüttung des Kindes mit Zärtlichkeiten, etwa gar von Dritten, kann verderblich sein und muss auf die Dauer verweichlichen.  […] statt in einer ‚läppisch-verballhornten Kindersprache‘ solle die Mutter ausschließlich in ‚vernünftigem Deutsch‘ mit ihm sprechen, und wenn es schreie, solle man es schreien lassen. Das kräftige die Lungen und härte ab.“ Anne Kratzer

Ich habe selbst auch Erfahrungen gemacht, denn so wie meine Eltern es erfahren haben (und es war akzeptierter Standard zur damaligen Zeit), wurde es weitergegeben. Es gibt auch andere Erfahrungen von Kindern meiner Zeit, die folgendermaßen beschrieben werden: Es wurde zur Sauberkeit erzogen, in dem das Kind an das Laufstallgitter auf das Töpfchen ‚gefesselt‘ wurden, solange, bis etwas kam. Die Wiederholung führte dazu, das es irgendwann klappte, was auch wahrscheinlich ohne dieses Vorgehen gekommen wäre. Das nannte sich dann Sauberkeitserziehung. Oder die Aussagen: Indianer kennen keinen Schmerz bzw. Jungen weinen nicht. Mädchen sind brav und artig – kennen sicherlich auch noch viele. Geh zur Schule, du musst doch was lernen, damit aus dir was wird im Leben. Nur wer hart arbeitet, erhält seinen Lohn. Hier liegt noch viel Aufbaugeschichte zugrunde und die Erfahrung, dass das Leben nicht leicht ist (Das Leben ist kein Ponyhof). Wenn man (über)leben möchte, ist es besser, sich zusammenzureißen.

Wenn ganze Generationen so erzogen waren, die eigenen Bedürfnisse und die ihrer Kinder zurück zu stellen, war sicher auch wenig Bindung und Beziehung möglich. Und mit welchem Ausmaß können diese Menschen, die so erzogen wurden, Bindungs- und Beziehungsfähigkeit an ihre eigenen Kinder überhaupt weitergeben oder den Enkelkindern zeigen? Aus eigener Erfahrung weiß ich, es geht und alles kann sich wandeln, wenn wir es uns nur bewusst machen.

Einige Dinge hörte auch ich noch nach der Geburt meines Sohnes im Jahr 2010. Es war mir ja nicht fremd und ich war versucht, so zu erziehen, das mein Kind mit seinen Bedürfnissen gesehen wird, was mir nicht immer gelang, wie ich später noch berichten werde.

Ich möchte dem Buch gar nicht so viel Beachtung schenken, nur verdeutlichen, dass dieser Umgang eine ganze Nation geprägt hat und sogar noch bis heute prägt und die Beziehungs- und Bindungsunfähigkeit weiter fördert. Wir, die Kriegsenkel versuchen jetzt in der 3. Generation manche Dinge abzulösen, uns neu zu finden, das Da-Sein neu zu definieren. Interessant, dass aktuell noch das Corona-Virus und zukünftig alle weiteren Mutanten und Viren hinzu kommen. Vielleicht ist die Pandemie gefühlt für den einen oder anderen eine Form des 3. Weltkrieges (so wie Macron zu Beginn der Pandemie erklärte: „Wir sind im Krieg“: Ein Krieg „gegen einen unsichtbaren Feind“), der die ‚Schuld‘ tragen kann, das Kinder und Enkelkinder sich als ständige Gefährder ihrer Eltern und Großeltern fühlen und somit auch enormes Potential für Beziehungsverluste und auch weitere Bindungsstörungen beinhaltet. Wird hier vielleicht auch aus der Angst heraus unbewusst neuer Samen gesät für gehorsame ‚Bürger‘ und Personen, die die Verantwortung ‚mittragen‘? 
 
Mir kommt gerade die Redewendung in den Sinn: Ehrlich währt am längsten und ich habe oftmals die Erfahrung gemacht, das wenige die Ehrlichkeit hören mögen, viele sie nicht ertragen können. Ich habe auch oft erfahren, dass gerne auf den anderen geschaut wird, ohne sich selbst zu betrachten und ehrlich mit sich zu sein. Und dabei nehme ich mich selbst nicht aus. Ich habe auch immer wieder erlebt, das Worte Hülsen sein können, inhaltsleer, da ich mit den Worten keine bestätigte Erfahrung wahrnehmen konnte und trotzdem vertraue ich noch heute häufig auf diese. Vielleicht ist es die Hoffnung und umso mehr freue ich mich, wenn dann aus Worten auch Taten entstehen. Und auch hier darf ich immer wieder gerne bei mir selbst beginnen, denn das Menschsein verführt so schnell, es anders zu tun.

In meinem Leben passte ich mich so gut wie möglich an, doch oft eckte ich an, weil es einen Widerstand in mir gab. Ich war undiplomatisch & direkt, weil ich es so sagte, wie ich es wahrnahm. Das war oft nicht erwünscht. Das sprechen über andere war mir eher fremd, wenn sie nicht zugegen waren und wenn ich was zu sagen hatte, dann tat ich es lieber direkt. Das grenzte mich oft aus und es fühlte sich für mich so an, falsch zu sein. Ich zog mich in mein Inneres noch weiter zurück und funktionierte. So lernte ich, mir durch Leistung Anerkennung & Lob im Außen zu holen, was mich viele Jahre vermeintlich nährte. Vermeintlich deshalb, weil immer eine Unzufriedenheit in mir blieb. Am Beginn einer neuen Beziehung sprach ich es dann erstmals an: Ich bin, wie ich bin! Na ja, das wäre ja zu einfach, wurde erwidert und dass würde so ’nicht funktionieren‘. Ok, also nahm ich mich auch da zurück. Es gab eben Regeln auf dieser Welt, an die ich mich zu halten hatte, um zu funktionieren und mit zu fließen im Fluss, der (Über)Leben hieß.

Ich stieß immer mal wieder auf Widerstand, umging Regeln, um mich zu spüren und tastete mich langsam vor. Ich durfte mich halt nicht erwischen lassen. Wenn ich erwischt wurde, war es doppelt hart, weil ich ja nicht ehrlich mit mir selbst war. 

Die Sehnsucht nach dem ‚Besonderen‘ in mir flackerte immer mal wieder auf. Es war noch nicht gänzlich verschwunden. Dann gebar ich meinen Sohn, der so unschuldig, und doch schon mit ganzer Kraft präsent war. Ich fühlte mich zeitweise überfordert, da ich nicht wusste, was er wirklich brauchte. Ich war ja im Funktionsmodus erzogen worden. Essen, Trinken, Umarmung, Liebe reichten nicht: er brauchte Begrenzung und einen festen Halt (z. B. durch Pucken). Das konnte ich nicht geben, ich kannte es selber nicht so genau. Obwohl meine Intuition rief und ich es ausprobierte (meine Technik war nicht zielführend), nahm die Hebamme die Notwendigkeit gar nicht richtig zur Kenntnis. Ich gab mich damit zufrieden und meinem Sohn fehlt heute noch in reizstarken Situationen die Begrenzung – sicherlich auch wegen seiner hohen Sensibilität.

Und geht es uns nicht allen manchmal so? Wir versuchen, was möglich ist und was selbst nicht erfahren wurde, kann auch manchmal schwieriger weitergegeben werden. Das erinnert mich an das Buch: Jedes Kind kann schlafen lernen, was ich bei meinem Sohn ansatzweise nutze. Ich habe es fast vergessen, bis ich jetzt erinnert wurde. Ich werde still und in mich gekehrt, traurig, dass auch ich nicht frei von meiner ‚Sozialisation‘ bin. Ich habe meinen Sohn mal schreien lassen: Ich war verbal präsent und  habe ihm versucht, mit Worten Sicherheit zu geben. Sicherlich gab es aus der damaligen Sicht nachvollziehbare Gründe und trotzdem habe ich nicht meinem Inneren entsprechend gehandelt. Ist es eine über Generationen fortgeführte Beziehungs- und Bindungsarmut, die sich abgemildert weiter fortgesetzt hat? Fragen wie: Wie gehe ich heute in Kontakt? Gehe ich überhaupt in Kontakt – mit mir und anderen? Kann ich mich überhaupt selbst spüren, mich selbst wahrnehmen? spielen bei frühkindlichen ‚Bindungsstörungen‘ eine ganz wichtige Rolle. Verstärkt wird die veränderte Kontaktfähigkeit auch durch die heutige Kommunikationsart über Medien wie smartphones, Zoomkonferenzen und auch dem Maskentragen, das wesentliche Teile unseres Gesichts ausspart und Gefühlsregungen unseres Gegenüber kaum noch wahrnehmbar werden lassen.

Neben den ganzen Themen des Anpassens & Funktionierens und des Kontakts in der heutigen Gesellschaft: Was war es noch, das ‚Besondere‘ in mir? Ich habe das Gefühl oder ist es doch mehr der Wunsch meines Verstandes, etwas ‚Besonderes‘ zu sein? In dem ich Gutes tue auf dieser Erde und ‚heil‘ bringe für diese Welt?! Spielt gerade mein Ego mit oder ist es pure Nächstenliebe? Oder versuche ich mir nur Anerkennung im Außen zu holen, weil ich sie mir innerlich nicht geben kann? Ist es vielleicht sogar eine frühkindliche Konditionierung, gutes Tun zu wollen, um selbst geliebt zu werden?

Plötzlich taucht bei dieser ganzen Unsicherheit die Frage auf: Wie ist mein wahres Wesen? Und in der Selbstwahrnehmung kommen Worte auf wie… sanft & weich, zurückhaltend und sehr schüchtern, gütig, freudig, voller Fülle und im Frieden, glücklich, kraftvoll & voller Liebe. Dieser Moment des Wahrnehmens fühlt sich sehr sehr ‚besonders‘ an, mich mit allem zu spüren, was ich bin. Ich bin ganz präsent, ruhig und frei von jeglicher Bewertung. Ich bin mit mir ganz in Kontakt – bin mir meiner Selbst bewusst.

Wenn ich mir Raum gebe, mich einlasse, das Leben zu leben, ich loslasse und in Kontakt mit mir bin, dann kann ich mein wahrhaftiges Wesen wahrnehmen. Wie wunderschön. D A N K E.

Vielleicht ist unser Licht in uns nie ganz erloschen? Wir haben es nur vergessen, zugedeckt und maskiert mit Anforderungen an uns, durch Konditionierungen oder Programmierungen, um zu (über)leben? Vielleicht brauchte das Licht auch zunächst die Dunkelheit, damit wir den Unterschied erkennen können? Ich habe mein Licht gerade wieder ent-deckt, ganz winzig & zart und vielleicht ist dieses Licht genau DAS ‚Besondere‘ in mir, in dir, in uns allen? Tragen wir unser Licht in die Welt und zeigen uns mit unserem wahren Wesen – ganz so, wie wir sind!

Eher zufällig und fast zeitgleich bin ich auf den nachfolgenden Text gestoßen. Ein Text aus dem Buch „Rückkehr zur Liebe“ von  Marianne Williamson:

„Unsere tiefste Angst ist nicht, ungenügend zu sein.
Unsere tiefste Angst ist, dass wir über alle Maßen machtvoll sind.
Es ist unser Licht, das wir am meisten fürchten, nicht unsere Dunkelheit.

Wir fragen uns: Wer bin ich eigentlich, um von mir zu glauben, daß ich brillant, großartig, begabt und einzigartig bin?
Aber genau darum geht es, warum solltest Du es nicht sein?
Du bist ein Kind Gottes.
Dich klein zu halten, dient der Welt nicht.
Es zeugt nicht von Erleuchtung, sich zurückzunehmen, nur damit sich andere Menschen um Dich herum nicht verunsichert fühlen.

Wir alle sind aufgefordert, wie Kinder zu strahlen.
Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes, die in uns liegt, zu verwirklichen.
Sie ist nicht nur in einigen von uns, sie ist in jedem Menschen.
Und indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen, geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis, das Gleiche zu tun.
Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unser Sein automatisch auch andere.“

Trage auch du dein Licht in die Welt!

Und hier noch eine sehr berührende Geschichte, die mir zufällig beim Schreiben dieses Blogs begegnete:

Ich bin das Licht! Die kleine Seele spricht mit Gott von Neale Donald Walsch

2 Kommentare
  1. Sabine
    Sabine sagte:

    Liebe Marion , vielen Dank für diese Worte und deine Ehrlichkeit. In jedem Satz von Dir finde ich mich wieder. Ich fragte mich Zeit meines Lebens , was so anders ist an mir und warum ich mich so falsch fühle . Erst seitdem ich mich auf die Reise zu mir selbst , in meines Innerstes begeben habe , komme ich Stück für Stück , Puzzleteil für Puzzleteil zu einer Erkenntnis. Der Erkenntnis das es nichts von außen bedarf, um sich gut und sicher zu fühlen … ! Alles ist in mir !
    DANKE
    Sabine
    De

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